DRUCKEN
Laborfläschchen

Liquid Biopsy: Mittels Blutprobe einen Tumor erkennen

Mit einer einfachen Blutprobe Krebs erkennen. Was bis vor kurzem noch wie Utopie klang, wird eben Realität. Liquid Biopsy ist eine neue Methode, mit der Blut auf Krebszellen und Tumor-DANN untersucht wird. Sie wird bei zwei Krebsarten bereits zur Erkennung von Tumoren eingesetzt und kann sogar den Krankheitsverlauf bestimmen. Dieses Verfahren könnte in Zukunft weitgehend die üblichen Biopsien ersetzen und die Tumor-Bekämpfung individuell gestalten und damit wesentlich verbessern. 

Um einen Tumor sicher zu diagnostizieren, benötigt man grundsätzlich eine Gewebeprobe (Biopsie) der befallenen Stelle. Eine solche Gewebeuntersuchung erfordert in den meisten Fällen einen chirurgischen Eingriff. Der medizinische Grundsatz, dass Gewebe zur Diagnose gebraucht wird, beginnt zu bröckeln und könnte schon in naher Zukunft nicht mehr gelten. Denn eine neue Art der Tumorbestimmung beginnt die herkömmliche Biopsie zu ergänzen oder gar zu ersetzen: Die Liquid Biopsy. 

Aufwändige Blutuntersuchung 

Hat sich ein Tumor im Körper eines Menschen gebildet, finden sich auch im Blut einzelne Tumorzellen und sogar Bruchstücke der Erbinformation des Tumors. Im Rahmen der Liquid Biopsy wird versucht, Zellen und DNA zu isolieren und zu bewerten. Das ist alles andere als einfach, denn im Blut befinden sich nur wenige Tumorzellen und diese sind nur durch aufwendige Verfahren zu identifizieren. 

Einsatz bei Prostatakrebs und Brustkrebs 

Zurzeit wird Liquid Biopsy erst in wenigen Tumorzentren und nur bei zwei Krebsarten (Prostatakrebs, Brustkrebs) eingesetzt. „Derzeit bieten wir im Prostatazentrum nur die Zählung der zirkulierenden Tumorzellen an. Das volle Programm ist noch nicht fertig aufgestellt. Die Kosten für eine Zählung betragen für Patienten 350 Euro“, so Prim. Dr. Wolfgang Loidl, Leiter des Prostatazentrums der Barmherzigen Schwestern in Linz. 

Anhand einzelner Zellen den Tumor suchen 

Bei den herkömmlichen Diagnoseverfahren findet man in einem bestimmten Organ einen Tumor und beginnt mit der Therapie. Man weiß also, um welchen konkreten Krebs es sich handelt. Bei der Liquid Biopsy findet man dagegen im Blut einzelne Zellen eines Tumors, ohne jedoch zu wissen, wo sich der Tumor befindet und welches Organ betroffen ist. Danach muss z.B. mittels Bildgebung gesucht werden. 

Krankheitsverlauf bestimmen 

Liquid Biopsy könnte nicht nur die Diagnose, sondern auch die Kontrolle des Krankheitsverlaufes verändern. „Mit der neuen Methode können wir im Blut also einzelne Krebszellen nicht nur finden, sondern diese auch zählen. Durch die Zählungen können wir auch den Krankheitsverlauf bestimmen und überprüfen. Finden sich bei einer Messung viele Tumorzellen im Blut, bedeutet das eine schlechte Prognose; finden sich wenige, ist die Prognose gut. Durch solche Messungen erfahren wir sehr rasch, ob ein Patient auf seine Therapie anspricht. Sinkt die Zahl der Tumorzellen im Blut nicht, dann spricht er auf die Chemo nicht an und wir müssen ihn nicht damit belasten und brechen sie ab. Das hat den Vorteil, dass nutzlose Therapien unterbleiben und daher auch die Nebenwirkungen“, erklärt Loidl.

Schneller auf Krebsaktivitäten reagieren 

Krebs kann sich im Laufe der Behandlung in seiner Ausprägung ändern. Oft ist es so, dass ein Patient anfangs auf eine Therapie gut anspricht, dann aber plötzlich nicht mehr. Das liegt daran, dass der Krebs mutiert, er reagiert auf die Attacken der Chemo, weicht ihr sozusagen aus. Indem der Krebs quasi sein Gesicht verändert und durch seine Mutation auf die verabreichte Chemotherapie resistent wird, würde man bei fortlaufender Behandlung mit dem bisherigen Medikament keinen Erfolg mehr haben. Die Therapie würde nichts mehr nützen und den Patienten wegen der Nebenwirkungen sogar noch weiter schwächen.  

„Auch hier kann die Liquid Biopsy helfen, denn durch die laufende Untersuchung des Blutes erkennen wir viel früher, was vor sich geht, ob sich also der Krebs bereits verändert hat oder ob die Therapie weiterhin erfolgreich ist. Wir können also rascher reagieren, als wenn wir auf die üblichen Untersuchungsergebnisse aus einem bildgebenden Verfahren oder die Auswertung von Tumormarkern warten müssten. Wenn wir diese Vorgänge in Zukunft noch besser beurteilen werden können, erreichen wir eine doppelt personalisierte Medizin. Wir können die Therapie gezielt suchen, die für den jeweiligen Patienten am besten passt und wir können auch den Krebs ganz gezielt bekämpfen, je nachdem, wie er sich in bei einem Patienten ganz konkret verhält“, sagt Loidl. 

Nachteile 

Das Verfahren der Zellbestimmung im Blut ist zur Zeit noch sehr teuer. Zudem ist es noch nicht ausgereift und weitgehend in der Phase der Erprobung, das heißt, dass die Ergebnisse oft nicht eindeutig interpretiert werden können und Ungenauigkeiten und Fehler möglich sind. Konkret: Eventuell wird eine Krebserkrankung vermutet, wo keine ist, oder es wird keine gefunden, obwohl sie vorhanden ist. „Dieses Verfahren ist eben so neu, dass Forscher und Ärzte ständig dazulernen. Man sollte sich dessen bewusst sein und seriös an die Sache herangehen“, mahnt Loidl. Er weist darauf hin, dass in den USA sogar schon Selbsttests (sehr teuer) zu kaufen sind. Ein mutmaßlicher Patient kann sich einen solchen Test kaufen und erhält auf diesem Weg sehr rasch einen Hinweis, ob er Krebs hat oder nicht. „Man muss hier sehr vorsichtig sein, da niemand weiß, wie sicher solche Tests wirklich sind.“ Der Mediziner rät zum jetzigen Zeitpunkt von solchen Selbsttests ab. 

Aussicht 

Liquid Biopsy bedeutet für Patienten, dass Gewebeentnahmen unterbleiben können. Das bedeutet eine große Entlastung für Patienten, vor allem, wenn das Gewebe in regelmäßigen Abständen wiederholt untersucht werden müsste. Zudem ist sie ein großer Schritt in Richtung personalisierte Medizin. Das Ende dieser Entwicklung ist noch nicht abzusehen. „In diesem Bereich ist einiges im Laufen und Kommen. Das Zukunftsszenario ist vielversprechend. Am Ende der Entwicklung könnte Liquid Biopsie für alle Krebsarten einsetzbar sein und für die Diagnose als auch die Therapie entscheidende Vorteile bringen“, so Loidl. 

DNA eines Tumors wird sichtbar 

Anhand Liquid Biopsy lassen sich nicht nur einzelne Zellen eines Tumors finden, sondern darüber hinaus sogar Fragmente der Erbmasse eines zerfallenen Karzinoms. Solche zellfreie Tumor-DNA zirkuliert im Blut und gibt Hinweise über das Vorhandensein und den Verlauf der Erkrankung. „Dass man nun mittels Blutprobe auch an der DNA eines Tumors forschen kann, ist wirklich sensationell. Man kann dadurch noch viel feiner als bei einer Zelluntersuchung arbeiten“, sagt Loidl. 

Anhand dieser Methode könnte zukünftig eine individuelle Tumortherapie Realität werden. Im Moment ist dieses Verfahren für die Praxis aber noch nicht reif, es befindet sich weitgehend in der Studienphase. Primar Loidl: „Zirkulierende Tumor-DNA wird an der Uni Graz und Wien beforscht. Solche molekularen Tests sind derzeit auch noch äußerst kostspielig, doch sie sind ein großes Versprechen für die Zukunft. Wir erwarten, dass uns dieses Verfahren zeigen wird, welche Therapie bei einem Patienten ganz konkret erfolgsversprechend sein wird und welche nicht.“

 

Dr. Thomas Hartl

Jänner 2017


Bild: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020