DRUCKEN
Wunde

Dekubitus: Achtsame Pflege verhindert Wundliegen

Sobald das Wort „Dekubitus“ oder Wundliegen fällt, weiß man, dass von schwerkranken und bewegungsunfähigen Menschen gesprochen wird. Mit rund 60 Prozent stellen ältere Menschen die größte Gruppe der Betroffenen. Achtsamer Umgang und oftmaliges regelmäßiges Umlagern helfen einem Druckgeschwür vorzubeugen. 

Wie viele Menschen unter so einem Druckgeschwür - auch Dekubital-Ulkus genannt - leiden, ist statistisch nicht erfasst, aber aufgrund der steigenden Zahl alter, kranker und multimorbider Leute, nimmt die Zahl eher zu. Dekubitus bezeichnet die durch konstanten Druck über einen längeren Zeitraum hinweg geschädigte Haut und des darunter liegenden Gewebes. „Es können aber unter bestimmten Umständen auch schon etwa 20 Minuten erhöhte Druckeinwirkung reichen. Daher muss bei Gefährdeten von Anfang an Vorsorge getroffen werden“, sagt die Wundmanagerin Heidelore Wagner vom Neuromed Campus der Kepler Universitätsklinik in Linz.

Ist jemand nicht mehr selbständig fähig, seine Liege- und Sitzposition regelmäßig zu verändern, kommt es dauerhaft zu einer Belastung bestimmter Hautstellen, was die Durchblutung und damit die ausreichende Sauerstoffversorgung der Zellen verschlechtert. Zuerst zeigt sich dies durch eine Entzündung, sprich Rötung der Hautstelle. Daher sollen Pflegepersonen oder Angehörige die Haut immobiler Menschen beim Waschen und Umlegen genau beachten. Sobald sich eine Rötung zeigt, muss an dieser bestimmten Stelle schnellstmöglich eine Druckentlastung stattfinden, um Schlimmeres zu vermeiden. 

Hautzustand von Risikogruppen besonders gut beobachten 

Als besonders gefährdet gelten alle Zustände und Erkrankungen, die die Eigenbeweglichkeit ganz oder sehr stark einschränken. Dazu zählen allgemein geschwächte Personen, solche nach Schlaganfall mit Lähmungen, nach Unfällen, Komapatienten sowie sehr alte immobile, pflegebedürftige Menschen. Auch Blutdruckmanschetten, Sauerstoffschläuche oder Halskrausen können dauerhaften Druck ausüben. Trockene Haut reagiert noch empfindlicher auf Druck. Typgerechte Hautpflege kann die Haut zwar stärken, Dekubitus aber nicht verhindern. Diabetiker, Herz-Kreislauf-Patienten und Mangelernährte haben ein höheres Risiko für das Wundliegen. 

Beim Druckgeschwür unterscheidet man vier Grade 

  • 1. Grad: Es zeigt sich eine Hautrötung, die auf Fingerdruck nicht verschwindet. Die Haut ist aber noch intakt, es liegt keine offene Wunde vor. Der Bereich ist schmerzempfindlich. Entlastet man in diesem Stadium die Haut, verschwindet die Rötung wieder.
  • 2. Grad: Der Dekubitus dehnt sich bis in die Lederhaut aus. Man sieht eine Blase oder eine offene, flache Hautstelle mit rotem Wundrand. Dieser oberflächliche Hautdefekt schmerzt.
  • 3. Grad: Der Dekubitus breitet sich durch alle Hautschichten aus, auch ins Fettgewebe. Das „Fleisch“ ist sichtbar, aber noch keine Knochen oder Sehnen. Der Wundrand ist entzündet, die Schmerzen lassen in diesem Stadium nach.
  • 4. Grad: Auch die Knochenhaut ist betroffen. Knochen, Sehnen und Muskeln liegen frei. Die Wunde muss aber nicht offen sein, es könne sich Beläge und Schorf darauf gebildet haben. Es kann sich eine Kruste zeigen, unter der das Gewebe zerfallen ist. Sie bricht irgendwann auf oder muss geöffnet werden. Dieses Stadium macht keine Schmerzen mehr, weil auch die Nervenzellen zerstört sind.

Folgende Stellen sind besonders häufig von Druckgeschwüren geplagt 

Bei Rückenlage: Hinterkopf, Schulterblätter, Wirbelsäule, Ellbogen, Auflageflächen über dem Steißbein, Fersen und Knöchel

Bei Seitenlage: Ohr, Schulter, Oberschenkel, Knie, Knöchel

Im Sitzen: Hinterkopf, Schulterblätter, Sitzflächen über Sitzknochen, Fersen

Als bedeutsam erachtet es die Wundmanagerin, dass man Patienten und alte Menschen immer wieder motiviert und ihnen dabei hilft, sich so gut es geht, ein bisschen zu bewegen - ob im Sitzen oder Liegen. „Beim Sitzen aufpassen, dass der Kranke nicht langsam vom Stuhl rutscht. Der Druck der Sitzkante kann gefährlich sein und Dekubitus fördern. Auch bei der Körperpflege die Haut nicht zu sehr rubbeln oder verschieben“, empfiehlt die Wundmanagerin. 

Frühzeitige, individuell angepasste Behandlung 

Bettlägrige sollten im Schnitt alle zwei Stunden und auch nachts einmal umgelagert werden. Zur Druckentlastung gibt es verschiedene Sitzkissen zum Beispiel mit Gelfüllung, spezielle Schaumstoff- oder Luftkissenmatratzen. Man kann aber auch ein Handtuch zusammenrollen, um jemanden in die Seitenlage zu bringen. Große Polster sind meist nicht sinnvoll zum Umlagern, weil sie Mikrobewegungen des Patienten einschränken.

Therapiert wird je nach Grad des Dekubitus und des Allgemeinzustandes. Bei Grad 1 kann man die betroffenen Stellen lasern, um die Heilung zu fördern und die Durchblutung anzuregen. Später sind Schaumverbände oderverschiedene wundreinigende Auflagen zur lokalen Wundbehandlung angezeigt. Die Wunde soll trocken gehalten werden. Wundheilsalben helfen nichts.

Bei Grad 3 und 4 müssen die Gewebenekrosen oft chirurgisch entfernt und Antibiotika gegeben werden, denn die offenen Stellen sind Eintrittspforten für Keime. Eine Infektion kann bis zu einer Entzündung des Knochenmarks und in der Folge auch zu Blutvergiftung (Sepsis) führen, die lebensbedrohlich ist. Rechtzeitiges Erkennen eines Risikos für das Wundliegen und/bzw. sofort eingeleitete Gegenmaßnahmen können lebensrettend sei. Dekubitus kann in wenigen Tagen Grad 3 erreichen, doch die Wundheilung erstreckt sich dann meist über Wochen bis Monate. 

Feuchtigkeitswunden vorbeugen 

„Vom Dekubitus zu unterscheiden ist die inkontinenzassoziierte Dermatitis. Früher zählte man diese durch Feuchtigkeit ausgelösten offenen Stellen zum Dekubitus, heute wird hier differenziert. Bei mehr als 70 Prozent der offenen Stellen handelt es sich um solche Feuchtigkeitswunden“, sagt Wundmanagerin Wagner. Harn oder Stuhl reizen die Haut und es kommt zu Bläschenbildung mit oder ohne Rötung. „Die Haut wird vor allem in Hautfalten wie etwa der Analfalte aufgebrannt. Zur Abheilung helfen hier im Unterschied zum Dekubitus Wundheilsalben mit Zink“, sagt die Expertin.

Zur Vorbeugung gibt es verschiedene Hautschutzcremen für Inkontinenz. Sie erzeugen einen Schutzfilm auf der Haut, sodass Harn und Stuhl die Haut nicht angreifen können. Außerdem gibt es Hilfsmittel wie etwa Spezialeinlagen, um Inkontinenzwunden zu verhindern. In vielen Krankenhäusern informieren Inkontinenzberater Betroffene und Angehörige über Hilfsmittel und Pflege.

 

Mag. Christine Radmayr

Februar 2017


Foto: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020