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Gebiss mit Zahnspange

Mund- und Kieferorthopädie – Ein weites und vielfach unbekanntes Feld

„Das Tätigkeitsfeld des Kieferchirurgen ist ein weites und vielen unbekanntes", sagt Prim. DDr. Michael Malek, Vorstand der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie des Kepler Universitätsklinikums. Die Eingriffe reichen von angeborenen Missbildungen über Tumortherapie, Oralchirurgie, Kieferumstellungen bis zur Behebung von Schädeldeformitäten. Bei diesem Spektrum braucht es auch öfter ästhetische Korrekturen wie etwa Lidstraffungen. 

„Auch in unserem Fach geht es immer mehr in Richtung patientenspezifischer Therapie. Die Verbesserung mikrochirurgischer Techniken erlaubt es präziser und schonender zu arbeiten. Das Tissue Engineering, sprich die Züchtung von biologischem Gewebe, um krankes zu ersetzen, ist ein Gebiet, in dem sich viel Positives bewegt. Hierbei ist auch das Thema Stammzellen interessant“, gibt Malek Ausblick auf die Zukunft. Schon heute wird in Linz mit modernen piezoelektrischen Sägen oder Ultraschallsägen sehr gewebeschonend operiert.

Primar Malek nennt das umfassende Aufgabengebiet der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie. 

Chirurgie von Fehlbildungen 

Dazu gehören etwa die Therapie und Begleitung von Kindern, die mit Lippen-, Kiefer-, Gaumenspalte geboren wurden. In der Klinik ist eine eigene Ambulanz für Betroffene eingerichtet. Die Kinder werden vom Babyalter bis zum rund 16. Lebensjahr betreut. Eingriffe zum Schluss der Lippe und des Gaumens und andere Maßnahmen müssen je nach Ausprägung bis zum Teenageralter getätigt werden. Die Anomalie kann von einer Lippenkerbe bis zu einem Syndrom mit extremer Spaltbildung gehen. In Oberösterreich kommt auf rund 600 Geburten eine Spaltenanomalie. 

Orthognathe Chirurgie / Kieferorthopädische Chirurgie 

Sie ist neben der Oralchirurgie ein Schwerpunktsbereich, in dem die meisten Eingriffe durchgeführt werden. Eingriffe zur Umlagerung von Gesichtsknochen etwa bei Kieferfehlstellungen, bei einer Deformationen im Augenbereich oder bei zu kleinem Gesichtsschädel gehören dazu.

Wenn Ober- und Unterkiefer nicht in richtiger Bisslage zueinander stehen, werden die Knochen umgestellt. Aber nicht alle Kieferfehlstellungen müssen operiert werden. Zum Beispiel kann im Kindesalter das Unterkiefer bei Rücklagen mittels Zahnregulierungen noch zum Wachstum anregen. Sind mit solchen kieferorthopädischen Maßnahmen die Fehlstellungen nicht zu beheben, wird im Erwachsenenalter operiert. Dieses optimale Zusammenführen der Kiefer hat nicht nur ästhetische Gründe, sondern auch funktionelle. Es kann auf Dauer durch die falsche Verzahnung zu Kiefergelenksproblemen wie Arthrose, Muskelverspannungen, Migräne, Kopfschmerzen, Zahnausfall, Parodontose und auch Sprach- oder Schluckprobleme kommen.

Auch im Erwachsenenalter werden bei extremen Kieferfehlstellungen kieferorthopädische Maßnahmen – Zahnspangen und chirurgische Eingriffe – oft kombiniert. Der Altersgipfel bei diesen Operationen liegt zwischen 17 und 25 sowie 35 bis 55 Jahren. „Bedeutend sind bei den Operationen immer der Leidensdruck und die Bedürfnisse des Patienten. Wenn ein vorgelagertes Unterkiefer etwa zurückgesetzt wird, dann verändert sich das Aussehen des Menschen. Darauf muss er vorbereitet sein. Meist gehen ästhetische und funktionelle Veränderungen Hand in Hand und sind auch erwünscht“, sagt Malek.

Umstellungen des Kiefergelenks dauern im Schnitt ein bis zwei Stunden. Mit Ultraschallsäge und Meißel werden die Kieferknochen durchtrennt. Mit Titanschrauben beim Unterkiefer bzw. Schrauben und Titanplatte beim Oberkiefer werden die Knochen in der richtigen Stellung fixiert.

Als Komplikationen kann es zu Schwellung und Bluterguss kommen, die Infektionsgefahr ist gering, weil diese Regionen gut durchblutet sind. Bei einem von 100 Eingriffen kommt es zu einer dauerhaften kleinflächigen Gefühlsstörung der Unterlippe. Der Spitalsaufenthalt dauert bis zu einer Woche und je nach Eingriff kann man mit bis zu einem Monat langen Krankenstand rechnen.

Nach solchen Kieferumstellungen müssen sich Patienten sechs Wochen lang "weich" ernähren (Nudeln, Reis, Fisch, Faschiertes, Brei etc.). 

Weitere chirurgische Eingriffe 

  • Kraniofaziale Chirurgie:

    Behebung von Schädeldeformitäten wie Kahn-, Turm-, oder Schiefschädel die durch eine frühzeitige Verknöcherung von Schädelnähten entstehen. Meist werden solche Deformitäten im ersten Lebensjahr korrigiert.

  • Tumorchirurgie:

    Dazu gehört Operation von Tumoren in Mundhöhle, Schleimhaut oder Speicheldrüse. Auch großflächige Hauttumoren im Gesicht, die aufwändigen Rekonstruktionen bedürfen, sind hier einzureihen.

  • Traumatologie:

    Bei Unfällen und Stürzen kommt es oft zu Kiefer- und Gesichtsverletzungen sowie -frakturen. Man versucht bei den Operationen die Zugänge narbenfrei oder nicht sichtbar zu gestalten, um ein ästhetisch optimales Ergebnis zu erzielen. Intensive Zusammenarbeit mit Neurochirurgen, HNO-Fachärzten, Unfallchirurgen und Augenfachärzten ist je nach Verletzung angezeigt.

  • Plastisch rekonstruktive Chirurgie:

    Dazu gehören zum Beispiel mikrochirurgische Gewebsverpflanzungen. Man kann einen Hautlappen des Unterarms entnehmen und rekonstruiert damit etwa einen Teil der Zunge, des Mundbodens oder der Wange.

  • Ästhetische Chirurgie:

    Hierbei handelt es sich meist um funktionale Ästhetik, die im Rahmen von Knochenumstellungen durchgeführt wird, um ein ansprechendes optisches Ergebnis zu erreichen.

  • Präprothetische Chirurgie:

    Sind die Kieferknochen für eine Prothese nicht mehr geeignet, werden diese wieder aufgebaut.

  • Oralchirurgie:

    Dazu gehört das Ziehen/Operieren von Weisheitszähnen, Wurzelspitzenresektionen und Maßnahmen im Bereich der Implantologie wie etwa der Kieferkammaufbau. Auch Zysten und Abszesse im Kiefer, die im niedergelassenen Bereich nicht behandelt werden können, sind nicht selten.  

Moderne 3 D-Planung von Eingriffen 

Um das ansprechendste Ergebnis bei der Verlagerung von Schädelknochen zu erzielen, stehen als Diagnosemethode dreidimensionale Computer- und Magnetresonanztomografie zur Verfügung. Mittels 3D-Computeranimation sowie Gipsabdrücken des Schädels wird die Planung noch effektiver. „Durch die Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Hagenberg ist es uns möglich, solche Schädelmodelle in Gips kostengünstig herzustellen. Früher waren sie ein Luxus und nur für schwerste Eingriffe leistbar", sagt Malek. Im Scanner-Labor kann man mittels 3D-Scanner virtuell auch vorausberechnen, wie sich die Weichteile durch die Operation verschieben werden und welche ästhetischen Maßnahmen daher vonnöten sein werden. Kiefer-, Mund-, und Gesichtschirurgen arbeiten, so wie auch etwa Neurochirurgen, navigatorunterstützt. Diese chirurgische Navigation bezeichnet das Zusammenspiel der Aktionen des Chirurgen mit einem chirurgischen Roboter. Fehlstehende Knochen des Kiefers etwa werden mithilfe der so genannten Knochensegmentnavigation im computer-assistierten Eingriff in die richtige Position geführt und mittels Schrauben, Drähten oder Platten befestigt.

 

Mag. Christine Radmayr

März 2017


Foto: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020