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Operation

Minimal-invasive Schmerztherapie bei chronischen Rückenschmerzen

Wirbelsäulenprobleme sind der häufigste Grund für Arztbesuche und Volkskrankheit Nummer 1 in Österreich. Drei von vier Österreichern leiden irgendwann unter Kreuzschmerzen, bei bis zu 20 Prozent der Betroffenen chronifiziert der Schmerz. Die Brustwirbelsäule ist weniger häufig von Beschwerden betroffen als die Lenden- und Halswirbelsäule. 

Die Wirbelsäule stützt, stabilisiert und ermöglicht uns den aufrechten Gang. Verspannungen, Bandscheibenprobleme, Hexenschuss, Wirbelkanalverengungen, Abnützungen der Wirbelkörper und -gelenke sowie Entzündungsprozesse und Nervenbedrängungen sind einige Beispiele für Rückenschmerzen. Bewegungsarmut, Fehlhaltungen und -belastungen lassen das Rückgrat schwächeln. Dadurch wird das System aus Bandscheiben, Bändern, Wirbelkörpern und Wirbelbogengelenken instabil. Um diese Schwäche auszugleichen, erhöht die Rückenmuskulatur ihre Spannung und wird überbeansprucht. Auch psychosoziale Einflussfaktoren wie Stress, schlechtes Arbeitsklima, Angst, Einsamkeit, Depressivität, Sorgen etc. verstärken die Muskelverhärtung. 80 bis 85 Prozent der Schmerzen sind nicht spezifisch, das heißt, man findet keine eindeutige Ursache, sondern mehrere Auslöser und sie zeigen in der Bildgebung keine oder nur geringe Veränderungen. Diese Schmerzen heilen mit gezielter Schmerztherapie meist in sechs bis zwölf Wochen aus. Zur Behandlung eignen sich schmerzlindernde und muskelentspannende Medikamente, physikalische Therapien wie Physiotherapie, Massagen, Packungen, Elektrobehandlungen, Wärme- oder Kälteanwendungen. Aber auch Akupunktur und Osteopathie können helfen. 

Den Schmerz an der (Nerven)Wurzel packen 

Erst langandauernde Schmerzen müssen mit Röntgen-, CT (Computertomografie) und/oder MRT-Untersuchungen (Magnetresonanz) abgeklärt werden. Bei chronischen Rückenschmerzen, vor allem bei älteren multimorbiden Menschen, ist guter Rat oft teuer. „Die Patienten haben oft schon viele Methoden und Therapien ausprobiert und landen dann meist verzweifelt beim Neurologen und Schmerztherapeuten“, sagt Dr. Andrea Marek, Anästhesistin und Schmerztherapeutin in der Klinik Diakonissen in Linz und mit eigener Wahlarztpraxis. Dank fortschrittlicher Therapien kann sie heute auch über Jahre andauernde chronische Schmerzen noch positiv beeinflussen. „Die Senkung der Schmerzen und der Umgang mit ihnen sowie die Verbesserung der Lebensqualität und Mobilität stehen im Vordergrund und nicht die oft fälschlich versprochene Schmerzfreiheit“, sagt Marek.

Für die Schmerztherapie chronischer Wirbelsäulenschmerzen ist ein individuelles multimodales und interdisziplinäres Konzept das Um und Auf. Oftmals müssen verschiedene Optionen wie Physikalische Medizin, minimal-invasive Optionen und in manchen Fällen auch Psychotherapie, Entspannungsmethoden etc. kombiniert werden, um Schmerzen zu lindern und mit eventuell bleibenden Beschwerden gut umgehen und leben zu können. Sind medikamentöse und physiotherapeutische Anwendungen ausgeschöpft, will man eine Operation vermeiden oder ist sie nicht angezeigt, werden minimalinvasive Methoden oder Mikrotherapien in Erwägung gezogen.

„Der moderne, erfahre Schmerztherapeut kann immer mehr Eingriffe am Ursprungsort des Schmerzes oder im Verlauf der Schmerzweiterleitung anbieten. Weil die Menschen immer älter und leider auch gebrechlicher und daher mit Abnützungen an Wirbelgelenken, Entzündungen im Bereich der Wirbelsäule und deren Folgen kommen, nimmt die Bedeutung der bildgestützten invasiven Schmerztherapien zu. Bedeutsam ist es für jeden einzelnen Patienten die optimale Methode oder auch eine Kombination von Therapiemöglichkeiten zu finden“, sagt Marek. Sie unterscheidet Infiltration, modulative Schmerztherapie mittels Elektroden und Katheter sowie die Nervenverödung. 

Infiltration 

Bei dieser nicht zerstörenden Schmerzblockade werden zum Beispiel schmerzstillende, entzündungshemmende und/oder abschwellende Medikamente direkt unter Röntgen- oder Computertomografiekontrolle an den Zielort gespritzt. Diese Zielorte können der Rückenmarkskanal, Kreuz-Darmbein-Gelenke, Wirbelgelenke, die Nervenwurzeln oder Bandscheiben sein. Indikationen sind Bandscheibenvorwölbungen, Einengung des Wirbelkanals oder Abnützungen der kleinen Wirbelgelenke. Zusätzlich kann bei Bandscheibenvorwölbungen oder -vorfällen Ozon mittels Kanüle in Lokalanästhesie gezielt eingesetzt werden. So kann Bandscheibenmaterial geschrumpft und die Schmerzsituation verbessert werden.

Diese Form der bildgestützten Infiltration muss unterschieden werden von der sogenannten „blinden“ Infiltration (nicht bildgestützt) in die Muskulatur. Studien zeigen, dass die Medikamente bei diesen Einspritzungen in 40 bis 50 Prozent der Fälle nicht dorthin gelangen, wo sie ankommen sollten, nämlich am Ort der Ursache des Schmerzgeschehens.

„Hält die Wirkung der Infiltration nur kurz an, darf kein Cortison injiziert werden oder müsste man sehr viele Stellen infiltrieren, was kaum machbar ist, kommt in vielen Fällen eine Verödung statt der Infiltration in Frage“, erklärt die Schmerzexpertin. 

Verödung 

Diese Methode hat sich in den letzten Jahren weiterentwickelt. Es können etwa die Nerven der kleinen Wirbelgelenke und Kreuz-Darmbein-Gelenke bei Verschleiß oder Entzündung verödet werden. Auch bestimmte Arten von Bandscheibenvorfällen mit Nervenbedrängung oder einzelne Nerven bei Tumorschmerzen können, je nach Indikation, mit Hitze oder Kälte zerstört werden. Die Therapie kann je nach Aufgabenstellung jahrelang wirken. Bei den Wirbelgelenken etwa erholen sich die verödeten Schmerznerven nach ein bis zwei Jahren wieder, d.h. die Nervenenden wachsen erneut zusammen und der Schmerz kehrt wieder. Der Eingriff kann dann problemlos wiederholt werden. Selten wird auch eine Verödung an einem Gesichtsnerv vorgenommen. 

Schmerzmodulation 

Dank verbesserter Technologie geht der Trend der minimal invasiven Schmerztherapie hin zur Schmerzmodulation. Dabei wird ein elektrisches Feld um die betroffene Region aufgebaut, wodurch es zum Rückgang der Schmerzempfindung kommt, weil Botenstoffe und Schmerzrezeptoren positiv beeinflusst werden.

Eine flexible Sonde wird unter örtlicher Betäubung in den Wirbelkanal eingeführt. Dort wird Gewebe schonend mittels gepulster Radiofrequenz behandelt, so dass künftig Schmerz nur mehr in abgeschwächter Form weitergeleitet werden kann und es zu einer langfristigen Schmerzreduktion oder Schmerzfreiheit kommt. Der Nerv wird nicht abgetötet sondern bei kontrollierten 42 °C moduliert. Die Behandlung ist nicht schmerzhaft, man spürt in leichtes Pochen oder Prickeln und angenehme Wärme.

Indikationen für diesen minimal invasiven Eingriff sind zum Beispiel Narben nach Bandscheibenoperationen, Nervenwurzelschmerzen, Schmerzen durch Restviren an der Nervenwurzel nach Herpes Zoster (Gürtelrose) , Wirbelkanalverengungen oder Ischiasschmerzen. „ Diese gepulste Radiofrequenztherapie leistet einen nicht zu unterschätzenden Beitrag bei chronischen Nervenschäden zur Senkung des oftmals beträchtlichen Medikamentenverbraus, zur Vermeidung längerer Spitalsaufenthalte und Verbesserung der Lebensqualität.“

 

Mag. Christine Radmayr

Mai 2017

 

FOTO: Klinik Diakonissen (Dr. Andrea Marek)

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020