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Halswirbelsäule Plastik

Bandscheibenvorfall in der Halswirbelsäule

Ein Bandscheibenvorfall lässt sich in den meisten Fällen gut therapieren. Eine Operation ist nur selten erforderlich. Häufig braucht es aber eine Änderung der Lebensgewohnheiten, um das Problem langfristig zu meistern.

Ein Bandscheibenvorfall ereignet sich nicht über Nacht. Meist „arbeitet“ man über Jahre oder Jahrzehnte darauf hin, etwa indem man ständig in einer sehr ungünstigen Sitzposition an einem Laptop arbeitet. Das belastet die Halswirbelsäule (HWS), sie nützt sich ab und im Laufe der Zeit können kleineste Risse in den Bandscheiben entstehen. In dieser Situation reicht oft ein kleiner Anlass aus – eine kleine Verletzung, ein Stoß, ein heftiger Ruck – und der Bandscheibenvorfall tritt ein.

Symptome

Die Halswirbelsäule besteht aus sieben Halswirbeln. Zwischen den Wirbeln liegen die Bandscheiben. Bei einem Bandscheibenvorfall durchbricht der innere (weiche) Kern einer Bandscheibe die Außenzone und tritt aus. Am häufigsten geschieht dies in den Bandscheiben, die sich zwischen den Wirbeln C5/C6 und C6/C7 befinden.

Ein Bandscheibenvorfall (künftig als Vorfall abgekürzt) kann zu heftigen Schmerzen führen. Das muss aber nicht der Fall sein, oft bleibt ein Vorfall auch lange Zeit ohne wesentliche Beschwerden. Mögliche Symptome sind ein Kribbeln und Taubheitsgefühl in den Händen und/oder Armen. Wird das Rückenmark von der austretenden Masse komprimiert, kann es zu Lähmungserscheinungen von Armen und Beinen kommen.

Therapie

Ein Bandscheibenvorfall ist der Höhepunkt einer langjährigen Entwicklung, aber nicht dessen Endpunkt. Der Vorfall kann sich weiter vergrößern oder auch wieder zurückbilden. „Zieht sich der ausgetretene Kern wieder zurück, wird der bedrängte Nerv wieder freigelegt und die Schmerzen verschwinden. Man muss dem Körper Zeit geben, sich wieder zu regenerieren. Wird die sensible Region nicht weiter geschädigt, setzt ein Heilungsprozess ein“, sagt Dr. Marcus Hinz, MSc., Oberarzt an der Klinik für Orthopädie des Kepler Universitätsklinikums in Linz (Med Campus III.)

Die Therapie richtet sich nach Größe, Ort und Auswirkungen des Vorfalls. Üblicherweise wird mit Medikamenten (Schmerzmittel und muskelentspannende Mittel) und Physiotherapie therapiert, in manchen Fällen wird auch operiert. Um die Wirbelsäule nachhaltig zu stärken, ist meist auch eine Änderung der Lebens- und Arbeitsgewohnheiten nötig.

Medikamentöse Therapie: Neben der Gabe von Schmerzmitteln (Tabletten und Infusionen) wird häufig auch infiltriert, das heißt, in die sensible Region gespritzt. Zudem kann die verkrampfte Muskulatur im Nacken und/oder in den Schultern mittels Lokalanästhetikum örtlich betäubt werden. „Wiederholt man das ein paar Mal, gelingt es in vielen Fällen, den Patienten von den akuten Schmerzen zu befreien. In schweren Fällen kann unter CT-Kontrolle eine Nadel zwischen die Wirbelkörper eingebracht werden und so in Bandscheibennähe gespritzt werden“, sagt Dr. Hinz.  

Medikamentöse Maßnahmen können aber nur kurzzeitig helfen. Entscheidend ist, dass der Patient seine Lebensführung (Ernährung, Bewegung, Arbeits- und Schlafplatz) nachhaltig verbessert. „In den meisten Fällen bekommt man seine Probleme nach einem Bandscheibenvorfall wieder in den Griff, jedoch nur, wenn man ab sofort in Sachen Lebensstil alles richtigmacht. Ändert man seine Lebensführung nicht, werden auch die Beschwerden wiederkommen und eventuell auch ein neuer Vorfall“, sagt der Facharzt für Orthopädie und orthopädische Chirurgie.

Ernährung: Vielfach ist bei Schmerzpatienten die Muskulatur übersäuert. „Ich rate meinen Patienten, ihre Ernährung ab sofort basenreich zu gestalten. Das schafft man, indem man Zucker so weit wie möglich reduziert und sich vorwiegend pflanzlich ernährt“, sagt Dr. Hinz.

Bewegung: Idealerweise sollte man sich zumindest dreimal pro Woche im Ausdauerbereich bewegen, also zum Beispiel Nordic Walking, Langlaufen, Rückenschwimmen oder Radfahren (jedoch nicht in vorgebeugter Position, diese belastet die HWS). Man sollte regelmäßig, aber nicht zu intensiv trainieren. Empfohlener Trainingspuls für ein Ausdauertraining: 180 minus Lebensalter.

Muskuläre Stärkung: Nach einem Bandscheibenvorfall existiert in der HWS eine Schwachstelle, die als solche bestehen bleibt, selbst wenn der Vorfall gut verheilt. Man sollte daher die Hals/Nacken/Schultermuskulatur stärken, um die HWS zu stabilisieren und vor weiteren Vorfällen zu schützen.

Allerdings sollte man nicht eigenständig mit Hanteln die Muskeln vergrößern. Hantiert man ohne Anleitung, womöglich sogar mit schweren Hanteln, kann das einen noch größeren Schaden anrichten. „Isometrische Übungen sind hierfür ideal. Man sollte nach Anleitung eines erfahrenen Physiotherapeuten bestimmte Übungen erlernen und dann zuhause ausführen. Man sollte diese Übungen langfristig machen und zwar auch dann noch, wenn man keine Probleme mehr verspürt“, sagt der Orthopäde.

Crosstrainer sind ein gutes Trainingsgerät für Menschen mit HWS-Problemen. Aber nur, wenn das Gerät in der Größe zum Anwender passt. „Man sollte diese Geräte nur im Fachhandel nach eingehender Beratung kaufen oder an hochwertigen Geräten im Fitnessstudio trainieren“, rät Dr. Hinz.

Arbeitsplatz

Viele Schreibtischarbeiter haben Probleme mit der HWS. „Vor allem das jahrelange Arbeiten in falscher Haltung führt zu Schmerzen und oft auch zu Vorfällen. Wer täglich am Computer arbeitet, sollte sich unbedingt den Arbeitsplatz ergonomisch einrichten. Dazu nötig ist ein großer Bildschirm, ein höhenverstellbarer Stuhl und vor allem bewegliches Sitzen. Man sollte alle halbe Stunde die Sitzposition wechseln. Das kann bedeuten, dass man zu einem Stehpult wechselt oder auf einen Gymnastikball. Nichts ist schlechter, als stundenlanges unbewegliches Verharren in ein- und derselben Position“, sagt Dr. Hinz.

Schlafen

Niemals am Bauch schlafen! Am besten am Rücken schlafen. Falls das nicht möglich ist, auf der Seite, wobei das Bett eine Funktion zur Schulterabsenkung haben sollte. Allerdings sollte der Arm dabei nicht unter den Kopf gelegt werden. Hilfreich ist auch ein ergonomisches Kissen, das man sich am besten im Fachhandel nach kundiger Beratung kauft.

Operationen

Eine Operation ist nur selten wirklich nötig. Meistens reichen konservative Maßnahmen (siehe oben) und eine Umstellung einiger Lebensgewohnheiten aus, um die Probleme in den Griff zu bekommen. OPs sind nur nötig, wenn eine echte Taubheit in den Fingern oder Lähmungserscheinungen auftreten, was nur sehr selten der Fall ist.

Hat man sich zu einer OP entschlossen, stehen verschiedene Methoden zur Verfügung. Kleinere Bandscheibenvorfälle können mittels mikrochirurgischer Techniken vom Nacken her operiert werden. Bei größeren Vorfällen muss die Bandscheibe vom Hals her entfernt werden. Anschließend wird in das ausgeräumte Bandscheibenfach ein starres Implantat (Versteifung) oder eine künstliche Bandscheibe (Prothese) eingebracht.

Operationen sind nicht immer erfolgreich und bergen das Risiko von Verletzungen von Rückenmark und Nerven. Bevor man sich zu einer OP entschließt, sollte man die Meinung von zumindest zwei erfahrenen Chirurgen einholen.


Dr. Thomas Hartl

Juni 2017


Foto: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020