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Mann im Mangel

Die gute Nachricht für alle Männer rund um 50: Ein Hormonverlust in kurzer Zeit, den Frauen durchleiden, bleibt ihnen erspart. Die Testosteronproduktion lässt nur langsam nach. Bis zu 20 Prozent leiden dennoch unter Testosteronmangel, dem partiellen Androgendefizit des alternden Mannes (PADAM). 

Testosteron ist nicht nur den Männern vorbehalten, auch wenn bei Frauen die Konzentration eine viel geringere ist. Beim männlichen Embryo bilden sich unter dem Einfluss von Androgenen Penis, Hodensack und Prostata. In der Pubertät führt Testosteron zum Wachstum der Geschlechtsorgane, zur Reifung der Spermien und zur Ausbildung eines männlichen Erscheinungsbildes, inklusive Stimmbruch.

Männer produzieren ihr wichtigstes Geschlechtshormon hauptsächlich in den Hoden und in kleinen Mengen auch in der Nebennierenrinde. Im Blut wird das Androgen zum Großteil an Eiweiße gebunden und auf diese Weise zu den verschiedenen Organen transportiert, wo es seine Wirkung entfaltet. Es sorgt bei beiden Geschlechtern für die Zunahme der Muskelmasse sowie der Knochendichte und beeinflusst den Fett- und Zuckerstoffwechsel. Bei Männern steigert Testosteron Libido und Sexualfunktion, Antrieb und Aggression. Das Hormon ist mitverantwortlich für die körperliche wie geistige Leistungsfähigkeit des Mannes. 

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Sauerstofftransport 

Die anabole (muskelaufbauende) Wirkung machen sich manche Kraftsportler zunutze. Testosteron fördert aber auch die Bildung roter Blutkörperchen und verbessert somit den Sauerstofftransport zu den Muskeln. Der erschöpfte Körper erholt und regeneriert sich schneller, was vor allem für Spitzensportler bedeutsam ist. Beim Doping werden dem Körper synthetisch hergestellte Anabolika (künstliche Abkömmlinge von Testosteron, anabole Steroide) zugeführt, was beim Erwachsenen je nach Dosishöhe verschiedene Gesundheitsgefahren wie etwa Herz-Kreislauf-Schäden und Verweiblichung birgt. Denn: überschüssiges Testosteron wird in das weibliche Sexualhormon Östrogen umgewandelt. 

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Langsamer Prozess 

Das starke Geschlecht ist bis ins Alter mit Testosteronproduktion gesegnet. „Im Schnitt geht es mit der Erzeugung des Geschlechtshormons ab 50 um ein bis zwei Prozent pro Jahr langsam bergab. Die meisten Männer merken diesen Prozess nicht“, sagt Primar Dr. Karl Leeb, Leiter der urologischen Abteilung im Krankenhaus der Elisabethinen Linz.

„Um den Testosteronwert höchst aussagekräftig zu bestimmen, wird dreimal hintereinander, einmal wöchentlich, zwischen acht und zehn Uhr am Vormittag, Blut abgenommen. Der Spiegel des Hormons ist in dieser Zeit am höchsten“, erklärt Primar Leeb. Ein Tumor in Hoden oder Nebennierenrinde kann zu einer Erhöhung des Wertes führen. Eine Schädigung der Hoden, Dauerstress, chronische Erkrankungen wie Diabetes, Herzinsuffizienz oder COPD (chronisch obstruktive Lungenerkrankung), das Klinefelter- Syndrom, Fettsucht, Alkoholismus und die Einnahme von bestimmten Medikamenten können den Testosteron-Spiegel drücken.

Laut Endokrinologen unterliegen Hormone einer starken individuellen Variabilität und der Abfall von einem hohen auf einen niedrigen Testosteronwert kann Probleme bereiten. Urologe Karl Leeb nennt Symptome für den Late-Onset-Hypogonadismus, wie das partielle Adrogendefizit des alternden Mannes im Fachjargon heißt: „Die Beschwerden sind unspezifisch. Fehlender Antrieb, Rückgang der Belastbarkeit, Leistungsknick, Schlafstörungen, fehlende Libido und Erektion, Depression, Schweißausbrüche, Fettumverteilung in Richtung Bauchfett und Osteoporose gehören dazu.“ Diese Anzeichen können zum Beispiel aber auch auf Schilddrüsenfunktionsstörungen oder Herz-Kreislauf- Probleme hinweisen. „Männer landen mit ihren Beschwerden meist beim Hausarzt.

Nur wenn erektile Dysfunktion und Libidoverlust im Vordergrund stehen, kommen sie zum Urologen. Darum sollten alle Mediziner, die mit plötzlicher Leistungseinbuße, Schlafstörungen und Antriebslosigkeit von männlichen Patienten konfrontiert sind, auch an Testosteronmangel denken“, sagt Primar Leeb. Fettleibige zählen zu Risikopatienten für PADAM. „Behandelt werden nur Männer, die bei niedrigem Testosteronwert auch Beschwerden haben und deren Lebensqualität eingeschränkt ist“, sagt Leeb.

Patienten mit fortgeschrittenem, sprich metastasierendem, Prostatakarzinom werden künstlich in ein Hormondefizit versetzt. Sie bekommen Medikamente, die die Testosteronausschüttung hemmen. „Bei ihnen muss man Schweißausbrüche und Osteoporose symptomatisch behandeln“, erklärt der Urologe, der Männern mit PADAM aber auch die Angst nimmt, dass die Testosteronsubstitution Prostatakrebs erzeugen könne. „Dafür gibt es keine Hinweise. Nur schon vorhandene, aber bisher noch nicht entdeckte Tumore könnten auffällig werden. Daher sollen Männer mit Testosterongabe alle sechs Monate zur Prostatakontrolle gehen.“

Neben dem Prostatakrebs sind eine nicht behandelte gutartige Prostatavergrößerung mit bestimmten Symptomen sowie das Schlafapnoe-Syndrom mit nächtlichen Atemaussetzern eine Kontraindikation für die Testosteronsubstitution bei einem Hormonmangel. 

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Hormon-Gel 

Die meisten Männer mit PADAM profitieren von der Hormongabe. Diese wird hauptsächlich mittels Gel oder einer intramuskulären Depotspritze für drei Monate verabreicht. „Testosteron-Nasengel und -Nasenspray sind in Entwicklung“, sagt Primar Leeb. Steigt der Hormonspiegel durch die Therapie an, fühlen sich die Männer meist wieder leistungsfähiger, die Stimmung sowie Libido und Sexualfunktion verbessern sich.

 

Mag. Christine Radmayr

August 2017


Bilder: shutterstock; privat


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Kommentar

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„Zwei Männer mit gleichem Testosteronwert können sich völlig unterschiedlich fühlen. Behandelt werden nur Männer, die bei niedrigem Spiegel Beschwerden haben und deren Lebensqualität leidet.“

Prim. Dr. Karl Leeb

Leiter der Urologie am KH der Elisabethinen Linz



Zuletzt aktualisiert am 23. Oktober 2017