DRUCKEN
Chirurgen operieren

Aneurysma der Bauchschlagader – Schleichende Erkrankung oft unbemerkt

Bei einem Aneurysma an der Bauchaorta handelt es sich um eine lebensgefährliche Erkrankung, von der man lange Zeit nichts merkt. Ab einer bestimmten Größe besteht die Gefahr, dass es durchbricht und Betroffene verbluten. Älteren Menschen wird zu Vorsorgeuntersuchungen per Ultraschall geraten, um ein Aneurysma frühzeitig entdecken und behandeln zu können. 

Bei einem Aneurysma handelt es sich um eine krankhafte Ausweitung einer Arterie (Schlagader), deren Querschnitt sich mit der Zeit immer mehr erweitert, bis sie letztendlich platzt. Ein Aneurysma kann sich an jeder Arterie bilden, am häufigsten tritt es jedoch in der Hauptschlagader im Bauchraum auf. Männer sind von einem Bauchaortenaneurysma fünf bis sieben Mal häufiger betroffen als Frauen. Der Grund dürfte vor allem in der genetischen Disposition der Männer zu finden sein. 

Rolle der Gene 

Die Aneurysmaerkrankung ist genetisch bedingt. Eine genetische Disposition ist nicht gleichzusetzen mit einer Erbkrankheit. Disposition bedeutet, dass eine Veranlagung in den Genen gegeben ist, die das Risiko von Aneurysmen in sich bergen. Dieses Risiko kann sich im Laufe des Lebens realisieren, keineswegs muss dies aber der Fall sein. Dies erklärt das gehäufte Auftreten der Aneurysmaerkrankung innerhalb einer Familie. 

Risikofaktoren 

Neben den Genen sind drei Risikofaktoren dafür verantwortlich, dass es zum Wachstum des Aneurysmas kommt:

  • Das Alter: Ein Aneurysma zählt zu den Alterserkrankungen. Am häufigsten sind Menschen über 65 Jahren betroffen.
  • Rauchen: Erhöht das Risiko enorm! Die Wachstumsgeschwindigkeit eines Aneurysmas erhöht sich durch das Rauchen von Zigaretten rasant.
  • Bluthochdruck.   

Keinerlei Frühsymptome 

Das Gefährliche an einem Aneurysma ist, dass es zunächst keinerlei Symptome verursacht. Symptome wie Rückenschmerzen oder Übelkeit sind völlig unspezifisch und daher kein brauchbarer Warnhinweis. „Der Patient spürt eigentlich erst den Durchbruch. Bei dieser Erkrankung hat das Warten auf Symptome also keinen Sinn, denn wenn diese auftauchen, hat man bereits ein großes Problem. Es hilft dann nur noch eine Notoperation“, sagt Gefäßspezialist Prim. Dr. Franz Hinterreiter vom Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Linz. Bricht ein Aneurysma durch, verspürt der Patient im Bauchraum und an den Flanken heftige Schmerzen, die in den Rücken und in die Beine ausstrahlen können. 

Frühe Diagnose oft lebensrettend 

Entscheidend ist es daher, dass man ein Aneurysma findet und diagnostiziert, bevor es für den Patienten gefährlich wird. Entdeckt werden Aneurysmen meist zufällig bei einer Ultraschalluntersuchung. „In einem Land mit hoher medizinischer Versorgungsqualität wie Österreich werden Ultraschalluntersuchungen von vielen verschiedenen medizinischen Disziplinen durchgeführt, sodass häufig das Aneurysma als Nebenbefund erkannt wird und an die gefäßchirurgische Abteilung weitergeleitet wird“, sagt der Primar.

Unabhängig von zufälligen Ultraschalluntersuchungen wird allen Männern ab 65 Jahren zu einer Vorsorgeuntersuchung geraten. Gab es in der Familie bereits Aortenerkrankungen, sollten sich Männer und auch Frauen ab einem Alter von 50 Jahren vorsorglich untersuchen lassen.

In der Regel genügt es, diese Untersuchung einmalig durchzuführen, nur die Patienten bei denen ein Aneurysma der Hauptschlagader erkannt wird, verbleiben in der Kontrolle. Dr. Hinterreiter: „Ultraschalluntersuchungen verursachen kaum Kosten, keine Strahlung und sind rasch und schmerzfrei durchführbar. Wird mittels Ultraschall ein Aneurysma gefunden, erfolgt eine computertomografische Darstellung der betroffenen Blutgefäße, welche eine millimetergenaue Vermessung zulässt. Die daraus erhaltenen Daten werden in spezielle Computerprogramme eingespielt, mit denen die Therapieplanung erfolgen kann.“ 

Diagnostiziertes Aneurysma – was kann der Patient selbst beitragen? 

Da Rauchen einen potenten Risikofaktor für das Aneurysmawachstum darstellt, ist es unbedingt nötig, mit dem Rauchen aufzuhören. „Und zwar völlig. Keine Reduzierung, sondern ein absoluter Rauchstopp ist nötig, um die Wachstumsgeschwindigkeit zu verlangsamen“, sagt Prim. Hinterreiter. Zudem muss der Blutdruck exakt eingestellt werden; dies geschieht medikamentös und durch Lebensstilmodifikation. 

Wann muss operiert werden? 

Das Risiko auf Aneurysmadurchbruch hängt vom Durchmesser des Aneurysmas und von dessen Form und Wachstumsgeschwindigkeit ab. Bei kleinen Aneurysmen werden bis auf regelmäßige Kontrollen keine weiteren Maßnahmen gesetzt, da das vom Aneurysma ausgehende Risiko bei dieser Größe noch minimal ist. Ab einem Durchmesser von fünf Zentimeter (dieser Wert gilt für die Bauchschlagader) empfiehlt Hinterreiter eine Operation (endovasculär oder offen), da das Risiko eines Risses der Aorta hier schon bei rund 15 Prozent liegt. 

Die Auswahl der Operationsmethode ist für den Patienten wichtig 

„Die exakte dreidimensionale Planung der Aneurysmaversorgung am Computer ist Voraussetzung für jegliche Therapieauswahl zwischen endovasculärem und offen operativen Vorgehen“, sagt Hinterreiter. Bei der endovasculären Methode werden lediglich die Leistenarterien operativ freigelegt und die Gefäßprothesen über den Blutweg eingeschoben und unter Röntgenkontrolle im Körper zusammengesetzt.

Bei der offenen Operation wird über einen Bauchschnitt das Aneurysma entfernt und der Blutleiter durch eine eingenähte Gefäßprothese ersetzt.

Die offene Operationsmethode ist erste Wahl für „junge“ Patienten (zwischen 50 und 65 Jahren) und für Patienten, für die aus bestimmten medizinischen Gründen die minimalinvasive Methode nicht möglich ist. Ist der Patient älter, so hat bei technischer Durchführbarkeit die endovasculäre Methode Vorrang. Im Vergleich zur offenen Operation stellt sie die wesentlich geringere Operationsbelastung dar.

„Studien der letzten zwei Jahre zeigen allerdings, dass auch bei Prothesen der neuen Generation der Langzeitverlauf der endovasculär behandelten Patienten schlechter ist als der der offen Operierten. Das Problem mit der endovasculären Methode entsteht häufig, wenn die Prothese in Fällen eingesetzt wird, die von vornherein nur grenzwertig für die Methode geeignet sind. Daher ist eine exakte Therapieplanung notwendig, die ausnahmslos interdisziplinär, also gemeinsam zwischen erfahrenen Gefäßchirurgen und interventionell tätigen Röntgenologen erfolgen muss. Dies verlagert die Aneurysmatherapie mehr und mehr an Gefäßzentren, in denen neben dem technischen Equipment sowohl Gefäßchirurgen wie endovasculäre Radiologen rund um die Uhr vor Ort sind, um jederzeit für eine akute Komplikationsversorgung bei diesen komplexen Eingriffen gewappnet zu sein“, so Hinterreiter. 

Aneurysmatherapie in der Zukunft 

Die Prothesenentwicklung schreitet unaufhaltbar fort. Trotzdem hat die Anzahl der endovasculär versorgbaren Patienten ein gewisses Plateau erreicht. Aktuell werden in Europa knapp über 60 Prozent der Aneurysmapatienten endovasculär und knapp 40 Prozent offen operiert. Primar Hinterreiter: „Ein Verhältnis von 70:30 wird erreichbar sein, ein gewisser Anteil an Aneurysmapatienten wird aber auch in Zukunft nur offen operativ zu versorgen sein.“

 


Dr. Thomas Hartl

Oktober 2017


Bild: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020