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Medikamente auf dem Prüfstand: Noch zu gut für die Tonne?

Medikamente, die noch aus der Zeit der Mondlandung stammen: Höchstwahrscheinlich wertlos, möglicherweise schädlich. Das jedenfalls vermuteten Lee Cantrell und Roy Gerona, als ihnen vor Jahren eine alte Apothekenkiste mit Medikamenten in die Hände fiel, berichtet die deutsche Ausgabe der Medizinplattform medscape.com

Im Labor testeten der Toxikologe Prof. Dr. Cantrell, der das California Poison Control System an der University of California im amerikanischen San Diego mitbetreut, und der Pharmakologe Ass.-Prof. Dr Gerona von der University of California in San Francisco, die längst abgelaufenen Mittel. Vom Ergebnis waren sie überrascht: Zwölf der 14 Medikamente waren noch so wirksam wie zur Zeit der Herstellung. „Die Wirkstoffe sind verdammt stabil“, kommentiert dies Cantrell. 

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Studie aus dem Jahr 2012 

Schon im Jahr 2012 veröffentlichten Cantrell und Gerona ihre Ergebnisse und lösten in den USA eine lebhafte Diskussion über die Haltbarkeit abgelaufener Medikamente aus. Prof. Dr. Gerd Glaeske, Pharmakologe und Gesundheitsökonom an der Universität Bremen, vermutet ebenfalls, dass viele Mittel länger halten als angegeben, verweist aber auf die Rechtslage und rät davon ab, Mittel über das Haltbarkeitsdatum hinaus einzunehmen. Denn dazu, so Glaeske, gebe es einfach zu wenig Daten. 

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In Deutschland keine Debatte zur Haltbarkeit 

In anderen Ländern, etwa den USA, werde offener als in Deutschland darüber diskutiert, schließlich könnten die Gesundheitssysteme sparen, wenn weniger abgelaufene Infusionsbeutel und Pillen im Sondermüll landen, so Glaeske.

Das Problem sei die Datenlage, bestätigt auch Maik Pommer, Sprecher des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), und fügt hinzu: „Studien, die untersuchen, ob Medikamente nach Ablauf ihres Verfallsdatums noch wirksam sind, gibt es in Deutschland nicht.“ Darüber hinaus: „In Deutschland gibt es bislang auch keine den USA vergleichbare Diskussion darüber, ob und welche Medikamente über das Verfallsdatum hinaus verwendet werden könnten. Für uns gilt als Kriterium: Wie können Sicherheit, Wirksamkeit und pharmazeutische Qualität sichergestellt werden?“ 

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Nach fünf Jahren ist per Gesetz meist Schluss 

Medikamente dürfen nach Ablauf ihres Verfallsdatums nicht mehr verwendet werden, die Haftung des Herstellers endet laut Gesetz am Tag des angegebenen Verfalldatums. „Die Dauer der Anwendung richtet sich nach dem Verfallsdatum und die maximal genehmigbare Dauer liegt bei fünf Jahren. Medikamente, deren Ablaufdatum überschritten ist, dürfen deshalb nicht mehr verwendet und müssen vernichtet werden“, erklärt Pommer. 

Etwas anders sieht es aus, wenn es durch die Arzneimittelhersteller zu einer Änderungsanzeige kommt. „Das kann dann dazu führen, dass in diesem Rahmen das Verfallsdatum ausgeweitet wird. Das gilt aber immer nur für Produkte, die noch nicht auf dem Markt sind. Chargen, die schon auf dem Markt sind, bleiben davon unberührt.“, so Pommer.

„Das Verfallsdatum ist keine wissenschaftlich abgeleitete, am Wirkstoff des Arzneimittels orientierte, objektive Größe, sondern ein vom Hersteller auch unter dem Aspekt seiner Marktstrategie entschiedenes Datum“, schreibt Glaeske in der deutschen Apotheker-Zeitung. 

Nicht die Zulassungsbehörde gebe vor, wie lange ein Arzneimittel zu halten hat, sondern der Hersteller entscheide darüber, welches Haltbarkeitsdatum er aufgrund der von ihm selbst durchgeführten Stabilitätsprüfungen auf die Packungen druckt. Insofern sei das Aufdrucken des Verfalldatums zwar eine Zulassungsauflage, sie garantiere allerdings nur die Mindesthaltbarkeitsfrist und sage nichts über die objektive Haltbarkeitsdauer aus. 

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US-Programm SLEP: Mehr als 100 Medikamenten zu längerem Leben verholfen 

Nach Veröffentlichung ihrer Studienergebnisse sahen sich Cantrell und Gerona mit dem Vorwurf konfrontiert, sie wollten für die Einnahme abgelaufener Medikamente werben. Cantrell stellte klar, dass sie dies nicht empfehlen, sondern vielmehr prüfen wollten, wie willkürlich oder begründet das Verfallsdatum festgelegt wird.

Aus Sicht der beiden Forscher ist „Verfallsdatum“ daher eine falsche Bezeichnung: „Die Daten auf Medikamenten-Kennzeichnungen sind einfach der Zeitpunkt, bis zu dem die FDA [Food and Drug Adminisration – amerikanische Lebens- und Arzneimittelbehörde] und die Arzneimittelhersteller die Wirksamkeit garantieren, in der Regel sind das zwei bis drei Jahre. Doch das bedeutet nicht, dass sie unmittelbar nach ihrem ‚Verfall‘ wirkungslos geworden sind“, betont Cantrell. 

Aus einer Anfrage der Luftwaffe 1986, ob zur Kostenersparnis nicht das Verfallsdatum für bestimmte Medikamente verlängert werden könne, entstand das Shelf Life Extension Programm (SLEP). Jedes Jahr werden von der FDA dafür Arzneimittel aus Lagerbeständen ausgewählt und in Chargen analysiert, um festzustellen, ob ihre Endtermine sicher verlängert werden können.

Das Ergebnis: Die tatsächliche Haltbarkeit geht häufig weit über die ursprünglichen Verfallsdaten hinaus. SLEP hat schon mehr als 100 Medikamenten zu einem längeren Leben verholfen, im Durchschnitt wurden die Verfallsdaten um 66 Monate nach hinten verschoben, also um fünfeinhalb Jahre. 

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Beachtlicher ökonomischer Nutzen 

Der finanzielle Nutzen ist beachtlich: 2005 konnten für jeden Dollar, der für die Prüfungen aufgewendet wurde, 94 Dollar gespart werden, die ansonsten für den Ersatz der Altmedikamente hätten ausgegeben werden müssen.

SLEP konnte auch zeigen, dass von 122 Medikamenten zwei Drittel auch vier Jahre nach Verfallsdatum noch wirksam waren. Zu den Mitteln, die nicht mehr wirksam waren, zählten das inhalativ verabreichte Albuterol, das Hautspray Diphenhydramin und ein lokales Anästhetikum. Ein vergleichbares Programm wie SLEP gebe es weder in Deutschland, noch in Europa, sagt Pommer. 

Wenn allerdings hinreichende Sicherheiten bezüglich der Lagerbedingungen und regelmäßige Überprüfungen der Arzneimittel gewährleistet werden können, sieht auch hierzulande das Arzneimittelgesetz Ausnahmen vor. Laut dem deutschem Arzneimittelgesetz kann das vorgeschriebene Verfalldatum bei Arzneimitteln unberücksichtigt bleiben, wenn es sich um Medikamente handelt, die an „die Bundeswehr, die Bundespolizei sowie für Zwecke des Zivil- und Katastrophenschutzes an Bund und Länder abgegeben werden“. Die Verantwortung für Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit obliegt dabei dem Bundesgesundheitsministerium. 

Im Mai dieses Jahres veröffentlichten Cantrell und Gerona eine Studie, in der sie 40 EpiPens (Adrenalin-Spritzen) untersucht hatten, deren Haltbarkeit teilweise schon vier Jahre abgelaufen war. Da es sich um Spenden handelte, musste damit gerechnet werden, dass die Pens unsachgerecht gelagert worden waren, so Cantrell. Doch die Tests ergaben, dass 24 der 40 abgelaufenen Geräte noch mindestens 90 Prozent ihrer angegebenen Menge an Adrenalin enthielten – also genug um noch als wirksam zu gelten. 

Cantrells Fazit: Selbst EpiPens, die unter wenig idealen Bedingungen gelagert werden, halten länger, als es ihre Etiketten versprechen. „Wenn es also keine andere Möglichkeit gibt, ist ein abgelaufener EpiPen besser als nichts“, sagt Cantrell.

Dass abgelaufene Medikamente Patienten schaden können, hält er für unwahrscheinlich: Weder Cantrell, noch Ass.-Prof. Dr. Cathleen Clancy, medizinische Direktorin des National Capital Poison Center, haben je von Patienten gehört, die durch abgelaufene Medikamente zu Schaden gekommen wären. Laut Cantrell findet sich in der medizinischen Literatur auch kein Fall, der solche Schäden dokumentiert. 

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Spart die Verlängerung des Verfallsdatums Milliarden ein? 

Das investigative Journalisten-Netzwerk ProPublica ist der Frage nachgegangen, weshalb das US-Gesundheitssystem das teuerste der Welt ist. Ein Grund sei der Umgang mit Medikamenten: „Wir haben dokumentiert, wie Krankenhäuser teure Neuware ausrangieren, wie Pflegeheime wertvolle Medikamente wegwerfen, wenn Patienten gestorben oder umgezogen sind, und Arzneimittelhersteller teure Kombinationen aus billigen Medikamenten zusammenmixen.“ Experten schätzen, dass diese Verschwendung etwa 765 Milliarden Dollar im Jahr frisst – das ist gut ein Viertel der gesamten Gesundheitsausgaben des Landes.

Ein Apotheker am Newton-Wellesley Krankenhaus außerhalb Bostons berichtet, seine Klinik habe im Jahr 2016 Wirkstoffe im Wert von 200.000 Dollar vernichten müssen. Rechnet man dies auf die Krankenhäuser in den USA um, sind das etwa 800 Millionen Dollar pro Jahr. „Würden die Datierungsprozesse verfeinert, ließen sich Milliarden einsparen“, folgert Cantrell daraus. Ein Ansatz für deutsche Kliniken? „Zu einem möglichen Einsparpotenzial können wir nichts sagen“, bedauert Pommer. 

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Idee vorläufiges Verfallsdatum wird bislang nicht weiter verfolgt 

Laut dem Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie müssen vor der Zulassung eines Medikaments entsprechende Stabilitätsstudien durchgeführt werden. Dabei wird direkt nach der Produktion eines Mittels zum ersten Mal getestet. Simuliert werden drei Klimazonen. Beim Stresstest ist es 40 Grad warm, die Luftfeuchtigkeit liegt bei 75 Prozent. Geprüft wird, ob der Wirkstoff abbaut, aber auch, ob die galenische Formulierung [Zusammensetzung und Zubereitung von Arzneimitteln] stabil bleibt. Nach drei Monaten werden die Tests zum ersten Mal wiederholt, nach 36 Monaten zum letzten Mal. Die Ergebnisse werden den Zulassungsbehörden vorgelegt, die auf dieser Basis das Verfallsdatum festlegen. 

Ist ein Medikament auf dem Markt, testen die Hersteller, um sicherzustellen, dass es bis zu seinem auf dem Etikett aufgedruckten Verfallsdatum wirksam bleibt. Da sie nicht verpflichtet sind, darüber hinaus zu prüfen, tun die meisten das nicht, vor allem weil Vorschriften es für die Hersteller teuer und zeitaufwändig machen, die Verfallsdaten zu verlängern, sagt Yan Wu, ein analytischer Chemiker, der zu einer Gruppe der American Association of Pharmaceutical Scientists gehört, die sich mit der Langzeitstabilität von Arzneimitteln befasst. Die meisten Unternehmen würden lieber neue Medikamente verkaufen und zusätzliche Produkte entwickeln.

Immer wieder haben sich US-Mediziner für eine Änderung der Haltbarkeitsdaten von Medikamenten stark gemacht – bislang ohne Erfolg. Schon im Jahr 2000 verabschiedete die American Medical Association eine Resolution, die zum Handeln drängte. Die Haltbarkeit vieler Medikamente, so schrieben die Verfasser, sei „wesentlich länger“ als das aufgedruckte Verfallsdatum, was zu „unnötigem Abfall, höheren pharmazeutischen Kosten und möglicherweise reduziertem Zugang zu notwendigen Medikamenten für einige Patienten“ führe.

Auch die Autoren des Kommentars in Mayo Clinic Proceedings griffen das Thema auf und schlugen vor, die Arzneimittelhersteller dazu zu verpflichten, ein vorläufiges Verfallsdatum festzulegen und dieses dann nach Langzeitversuchen zu aktualisieren. Bislang wurde der Vorschlag in den USA nicht weiterverfolgt. In Deutschland sieht das ähnlich aus: „Dazu gibt es bislang keine Überlegungen“, so Pommer.

 

Der gesamte Artikel wurde am 9. November 2017 auf Medscape Deutschland veröffentlicht und ist (nach kostenloser Registrierung) in voller Länge hier  abrufbar.

 

Mag. Christian Boukal / medscapemedizin.de

Dezember 2017


Bild: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 15. Dezember 2017