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Mann hält sich die schmerzende Hand

Rheuma und Depression im Doppelpack

Viele Rheumapatienten erkranken auch an Depressionen. Das bedeutet ein Leiden an Körper und Seele. Um aus diesem Dilemma herauszukommen, sollte man beide Erkrankungen gleichzeitig behandeln, viel Sport betreiben und auch psychologische Hilfe annehmen. 

Die untrennbare Verknüpfung von Körper und Psyche zeigt sich am Beispiel von Rheuma und Depression sehr gut: Je nach Untersuchung leiden zwischen 10 und 45 Prozent der Rheumapatienten auch an Depressionen. Je schlimmer diese ausfällt, desto heftiger fällt in der Regel auch das Rheuma aus. Auch umgekehrt gilt: Je höher der für entzündliches Rheuma typische Entzündungswert CRP ausfällt, desto stärker zeigt sich die Depression.

Unter „Rheuma“ sind in diesem Artikel entzündlich rheumatische Erkrankungen gemeint und nicht Stoffwechselerkrankungen wie Gicht oder degenerative Gelenkerkrankungen wie Arthrose. Zu den entzündlichen rheumatischen Erkrankungen gehören unter anderem Rheumatoide Arthritis, Morbus Bechterew und Psoriasisarthritis. Die Erkrankung zeigt sich vor allem an Gelenken, der Wirbelsäule und im Bindegewebe, jedoch kann der gesamte Körper von Entzündungen betroffen sein. 

Henne oder Ei? 

Was tritt zuerst auf – Rheuma oder Depression? Welche Krankheit verursacht die andere? Beides ist möglich. „Meistens besteht aber zuerst das Rheuma und später entwickelt sich die Depression. Die psychische Erkrankung tritt dann zeitverzögert auf. Es kann Monate oder auch Jahre dauern, bis sie sich zeigt“, sagt Dr. Gabriela Eichbauer-Sturm, Rheumatologin mit Praxen in Linz und Kitzbühel. 

Ursachen von Depressionen 

Depressionen bei Rheumapatienten werden verursacht durch

  • unzureichende Behandlung des Rheumas
  • mangelnde Behandlungserfolge bei der Rheumaerkrankung
  • entzündliche Schmerzen
  • Schlafstörungen, die durch die Schmerzen ausgelöst werden

Wird die Krankheit psychisch nicht bewältigt, kann chronisches Rheuma die Patienten mit der Zeit zermürben 

Stress als Auslöser von Rheuma 

Psychische Faktoren wie Stress und Angst und psychische Erkrankungen wie Depressionen zählen zu den möglichen Auslösern von Rhema. „Unter Stress sind hier nicht nur drastische Situationen wie Mobbing am Arbeitsplatz oder ähnlich gravierende Umstände gemeint, sondern viel häufiger ist es der tägliche Streit um Banalitäten, etwas in der Familie, der ausreicht, um Rheuma auszulösen, falls diese Belastung eine dauerhafte ist“, sagt Eichbauer-Sturm. 

Ausreichend behandeln 

Es ist wichtig, beide Erkrankungen gleichzeitig zu behandeln, weil:

  • Geht es der Psyche schlecht, werden Schmerzen stärker wahrgenommen. Was sich wiederum negativ auf die Psyche und damit auch auf das Rheuma auswirkt. In dieser Situation können Antidepressiva ein wirksamer Bestandteil der Therapie sein. Denn Antidepressiva wirken sowohl gegen die Depression als auch gegen Schmerzen und können daher die Negativspirale durchbrechen.
  • Depressive Menschen nehmen die Rheuma-Therapie als weniger erfolgreich wahr als Nichtdepressive.
  • Depressive Patienten nehmen die Rheuma-Medikamente auch wenig konsequent ein, sie bleiben also ihrer Therapie oft nicht treu und vermindern dadurch die Erfolgsaussichten.

 

„In der Praxis sieht der Weg in eine Depression häufig folgendermaßen aus: Der Rheuma-Patient hadert mit sich und der Krankheit, er fragt sich, warum das gerade ihm passieren musste. Er will die verordneten Medikamente nicht nehmen, beginnt mit Doktor-Shopping, geht also von einem Arzt zum nächsten und weil er immer noch keine Medikamente nehmen will, sucht er sein Heil irgendwann in vermeintlichen Alternativen, gibt viel Geld aus und weil all das nichts nützt, wird er schließlich depressiv. Wenn dieser Patient eine sinnvolle Therapie dann immer noch ablehnt, wird die Depression oft lebensbestimmend. Sie dominiert seine Tage und er leidet an ihr mehr als am Rheuma. Aus diesem Dilemma käme er nur dann heraus, wenn er endlich das Rheuma plus die Depression ausreichend behandeln ließe“, sagt die Rheumatologin. 

Therapie 

Rheumatherapie: Bei entzündlichem Rheuma sind Medikamente nötig. Ein häufiges Problem in der Rheumatherapie ist die oft ungenügende Schmerzbehandlung der Patienten. „Die Schmerztherapie in Österreich ist leider immer noch mangelhaft. Bei Rheuma muss immer auch die Entzündung behandelt werden, dazu braucht es eine gut funktionierende Basistherapie. Medikamente sind zum Beispiel Methotrexat, Salazopyrin oder Leflunomid. Wirken diese nicht ausreichend, werden moderne Biologikatherapien angewandt. Diese Therapien können die Entzündungen wirksam behandeln und dadurch die Krankheiten im besten Fall zum Stillstand bringen. Die üblichen Schmerztabletten reichen hier keinesfalls aus“, sagt Eichbauer-Sturm.

Auch die Ernährung spielt eine wichtige Rolle. So sollen entzündungsfördernde Nahrungsmittel (rotes Fleisch, Zucker) reduziert werden und durch eine Ernährung, die reich an Omega-3-Fettsäuren ist, ersetzt werden (beispielsweise durch die sogenannte Mittelmeerdiät).

Wird das Rheuma erfolgreich behandelt, bessert sich meist auch die Depression. Die Depression alleine zu behandeln und das Rheuma nicht, hat keinen Sinn. 

Therapie gegen Depressionen: Gegen Depressionen helfen Antidepressiva, Psychotherapie, Entspannungsfahren und vor allem Sport und Bewegung im Freien. 

Psychologische Hilfe annehmen 

Eichbauer-Sturm empfiehlt Rheuma-Patienten, die auch an Depressionen leiden, vor allem Verhaltenstherapie. Dabei kann man den Umgang mit den Schmerzen und Verhaltensmaßnahmen zur Krankheitsbewältigung (Bewegung, Muskelentspannung, therapeutisches Malen etc.) erlernen. „Viele Rheuma-Patienten akzeptieren leider nicht, wenn man ihnen sagt, dass sie sich psychologische Hilfe nehmen sollen. Manche empfinden es geradezu als Frechheit, wenn man ihnen so etwas vorschlägt. Sie meinen fälschlicherweise, dass das bedeuten würde, dass sie verrückt seien. Diese falsche Sichtweise ist ein großer Fehler, da sie der Heilung beider Krankheiten im Wege steht. Mein dringender Rat: Man sollte sich nicht scheuen und sich nicht fürchten, zum Psychologen zu gehen“, rät Eichbauer-Sturm.

Entscheidend über den Erfolg einer Therapie ist die Mitwirkung des Patienten. „Eine erfolgreiche Therapie ist gekennzeichnet davon, dass die Patienten die Medikamente wie vereinbart konsequent einnehmen, und ein gutes Gesundheitsbewusstsein und entsprechendes Verhalten entwickeln“ sagt die Rheumatologin. 

Sport hilft doppelt 

Bewegung und Sport helfen gleich doppelt. Denn Sport wirkt sowohl bei Rheuma als auch bei Depression zugleich als Vorsorge und als Therapie. Ideal ist tägliches Training, etwa 30 Minuten Ausdauer plus zwei Mal pro Woche 20 Minuten Krafttraining. Eichbauer-Sturm: „Einmal pro Woche Sport ist zu wenig. Weil die positiven Effekte nicht sehr lang anhalten, ist es wichtig, wirklich regelmäßig etwas für seinen Körper zu tun, am besten wirklich jeden Tag. Das klingt sehr aufwändig, ist es in Wahrheit aber nicht. Eine Stunde am Tag in seine Gesundheit zu investieren, das sollte sie einem schon wert sein.“ Die Intensität des Trainings sollte mit dem behandelnden Arzt besprochen und je nach Leistungsfähigkeit festgelegt werden.

 

Dr. Thomas Hartl

Oktober 2018


Bild: shutterstock



Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020