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Frau greift sich mit schmerzverzerrten Gesicht an die Brust

Infarkt oder Gebrochenes-Herz-Syndrom?

Akuter extremer Brustschmerz, Atemnot und eventuell Bewusstlosigkeit – alles Anzeichen für einen Infarkt, der die eheste Einlieferung in ein Krankenhaus mit Herzkatheterlabor bedarf. Was aussieht wie ein Herzinfarkt kann aber auch ein Broken-Heart- oder Takotsubo-Syndrom sein. Dieser akuten Pumpschwäche geht oft ein stressreiches Ereignis voraus und sie ist – sofern man die gefährliche Akutphase übersteht – völlig reversibel.

Eine 67-jährige Frau kommt mit Schmerzen im Brustkorb, als ob ein Elefant auf ihr sitzen würde, Luftnot, die ihr Todesangst macht, in die Notaufnahme eines Krankenhauses. Die Ärzte vermuten einen Herzinfarkt. Die Anamnese und Lebenssituation der Patientin könnten aber auch für ein Broken-Heart-Syndrom Syndrom sprechen. Denn, wenige Tage vor der Einlieferung der Frau ins Spital, ist ihr geliebter und langjähriger Ehemann verstorben. Die kinderlose Frau fühlt sich einsam, verzweifelt und des Lebenssinns beraubt. Sie weiß nicht, wie es in ihrem Leben weitergehen soll. Just in dieser Phase „macht ihr Herz vorübergehend schlapp“. In der Herzkatheteruntersuchung bekommen die Mediziner Klarheit. Es sind keine verschlossenen Herzkranzgefäße, die einen Infarkt anzeigen würden, vorhanden. Alles spricht für eine Stress-Kardiomyopathie oder ein Broken-Heart-Syndrom.

Häufiger als vermutet

„Die Erkrankung ist häufiger als wir bisher angenommen haben. In der Literatur wird das Broken-Heart- oder Takotsubo-Syndrom mit zwei Prozent aller akuten Koronarsyndrome angegeben, Tendenz steigend“, sagt die Kardiologin OÄ Dr. Veronika Eder vom Ordensklinikum Linz Elisabethinen, wo im Schnitt alle drei Monate ein Patient mit einer akuten Stressmyopathie eingeliefert wird.

Dieses Syndrom wurde erstmals von einem japanischen Arzt, namens Sato im Jahr 1990 beschrieben und Takotsubo genannt. Das ist die Bezeichnung für eine traditionelle japanische „Tintenfischfalle“, ein Gefäß, das sich durch einen bauchigen Körper und kurzen, engen Hals auszeichnet. Genauso präsentiert sich nämlich die akute Pumpschwäche im Ultraschall: man sieht die linke Herzkammer mit bauchig erweiterter Spitze bei gleichzeitiger Verengung des Ausflusstraktes in die Hauptschlagader. Auch die rechte Herzkammer kann betroffen sein, was mit einer schlechteren Prognose einhergeht.

Klare Diagnose mit Koronarangiografie

„Weder klinisch, im EKG noch laborchemisch kann ein Takotsubo-Syndrom klar von einem akuten Myokardinfarkt unterschieden werden. Erst eine Herzkatheteruntersuchung gibt Aufschluss. Im Unterschied zum Infarkt sind beim Takotsubo-Syndrom keine, für den Infarkt typischen, Verschlüsse der Koronargefäße zu finden“, sagt die Linzer Kardiologin.

Risikofaktor Frau

Rund 90 Prozent der Betroffenen sind Frauen ab 60 Jahren. Warum das Geschlechterverhältnis derart ungleich ist und das Risiko mit steigendem Alter zunimmt, ist noch nicht geklärt, unter anderem werden hormonelle Einflüsse vermutet. Es wird diskutiert, ob Östrogen einen schützenden Faktor vor dieser akuten Herzinsuffizienz hat.

Auch die Ursache der Erkrankung ist noch nicht gänzlich geklärt. Postuliert wird eine Überaktivierung des vegetativen Nervensystems (Sympathikus) mit Katecholaminexzess (extreme Ausschüttung von Stresshormonen) und darauffolgender Kontraktionsstörung des Herzmuskels auf Basis einer mikrovaskulären Dysfunktion.

Stress ist häufiger Auslöser

Diesem akuten und reversiblen Herzschwäche-Syndrom geht häufig – aber nicht immer – eine Stressituation voraus. Es handelt sich meist um negativen emotionalen Stress etwa bei einem Todesfall in der Familie, einer Trennung vom Partner, Liebeskummer, Jobverlust etc. Man beschreibt aber auch das „Happy-Heart-Syndrom“. Dabei treten die Symptome nach einem positiven Stress (Eustress) auf – etwa nach einer Geburt oder Hochzeit. Dies ist aber nur sehr selten der Fall.

Ebenso können physischer Stress wie etwa eine Operation, Infektion, Unfall, Trauma oder auch Naturkatastrophen das Broken-Heart-Syndrom auslösen. „Auffällig zeigt sich, dass 50 Prozent der Betroffenen eine Depression aufweisen“, nennt die Internistin einen Risikofaktor.

Überwachung auf der Intensivstation

Auch wenn die Prognose der Erkrankung prinzipiell gut ist und die akute Herzschwäche in nahezu allen Fällen innerhalb von drei Monaten reversibel ist, können in der Akutphase, ebenso häufig wie beim akuten Herzinfarkt, lebensbedrohliche Komplikationen auftreten. Durch engmaschige Überwachung auf der Intensivstation – 24 bis 72 Stunden lang – versucht man Komplikationen von Rhythmusstörungen bis zum kardiogenen Schock (Pumpversagen des Herzens) zu vermeiden.

Komplette Erholung des Herzens ohne Narben und Schwäche

Die Therapie ist symptomorientiert. In der Akutphase wird meist mit ACE-Hemmern und Betablockern gearbeitet. Eine lebenslange Blutverdünnung wie beim Herzinfarkt ist nicht angezeigt. Nachdem die Akutphase überstanden ist, erholt sich die Pumpfunktion des Herzens meist komplett innerhalb einiger Wochen. Es bleiben weder Narben noch eine Herzschwäche zurück.

In bis zu zehn Prozent der Fälle kommt es zu einem Rezidiv, sprich, kann das Broken-Heart-Syndrom ein weiteres Mal auftreten. In diesem Fall bedarf es einer lebenslangen kardiologischen Kontrolle und es kann sinnvoll sein, je nach seelischer Verfassung des Patienten, eine psychologische oder psychotherapeutische Begleitung anzuraten.


Mag. Christine Radmayr

Dezember 2018


Bildquelle: shutterstock

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020