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trauriges Kind mit streitenden Eltern im Hintergrund

Streit als Chance

Konflikte in der Familie sind nicht schlimm, doch ohne Streitkultur kann ein Zwist gefährlich eskalieren.

Alltagsprobleme kennt jede Familie und meist lassen sich diese mit etwas gutem Willen aus der Welt schaffen. Doch manche Situationen sind so verfahren, dass es innerhalb der Familie zu ernsten Konflikten kommt und sich die Angehörigen ständig gegenseitig verletzen. „Besonders konfliktträchtig sind tiefgreifende Paarkonflikte, die bei Kindern Angst, Unsicherheit und Verhaltensstörungen auslösen können“, erklärt die Psychotherapeutin und Mediatorin Anita Baumgartner aus Altmünster. Ein weiterer häufiger Grund für Streit hin zur Ebene der Großeltern ist die  Kinder-erziehung. Vor allem dann, wenn ein Partner glaubt, dass sein vermeintlich optimaler Erziehungsstil vom anderen sabotiert wird, ist Zwist vorprogrammiert. Viel Konfliktpotenzial bergen auch Streitigkeiten ums Geld beziehungsweise Erbstreitigkeiten sowie Generationenkonflikte.

Doch nicht immer entstehen daraus handfeste Konflikte, die kaum mehr zu lösen sind. Ist der Konflikt konstruktiv und zeigen sich alle Beteiligten kompromissbereit, bringt ein Streit im Endeffekt Positives und klärt die Fronten. Man spricht offen miteinander und berücksichtigt auch die Sichtweisen und Bedürfnisse der anderen Familienangehörigen. Man bewahrt den Respekt vor dem anderen und wird nie herablassend oder beleidigend. Wer bewusst und aufmerksam den Streitverlauf wahrnimmt, beginnt bereits, den Konfliktprozess zu gestalten.

Passen diese Voraussetzungen, geht jeder Beteiligte mit einem Gefühl der Zufriedenheit aus dem Streitgespräch heraus. Anita Baumgartner: „Wird ein Konflikt gut bewältigt, birgt er die Chance, dass sich Beziehungen stabilisieren, positive Entwicklungen entstehen und Neuorientierungen ergeben.“

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Destruktives Streiten

Ganz anders sieht es hingegen beim destruktiven Konflikt aus, der bei den Beteiligten oft ein Gefühl der Verletzung und des Gekränktseins hinterlässt. Die Streitparteien beharren dabei auf ihren Standpunkten, die sich immer mehr verhärten. Die Sichtweisen der anderen werden dabei oft gar nicht mehr wahrgenommen. Jeder pickt sich sozusagen im Streitgespräch nur das heraus, was die eigene Position stützt und stärkt. 

Warum kommt es überhaupt so weit? Die Antwort auf diese Frage liegt oft in einer „falschen“ Streitkultur, die manchmal schon über mehrere Generationen in der Familie gepflegt wird. „Der wichtigste Grund“, weiß Anita Baumgartner, „ist aber meist das Bedürfnis nach Harmonie“. Damit verbundene Ängste und Befürchtungen hindern uns oftmals daran, Konflikte auszutragen. Sie bringen uns dazu, diese immer wieder unter den Teppich zu kehren und Spannungen erst gar nicht bewusst zu spüren. Diese Spannungen verschwinden aber nicht einfach, sondern brodeln unterschwellig nahezu unbemerkt weiter, bis sie irgendwann einmal so eskalieren, dass es sogar zum Kontaktabbruch kommen kann. Gerade bei solch tiefgreifenden Konflikten oder wenn es im Familienstreit um Geld und Erbschaft geht, kann eine Mediation den endgültigen Bruch oder ein Gerichtsverfahren verhindern.

Das Bundesministerium für Justiz führt eine Liste von dafür speziell qualifizierten Mediatoren (online einsehbar unter www.mediatoren.justiz.gv.at).


Dr. Regina Sailer

Dezember 2018

 

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Kommentar

Streit als Chance Kommentarbild Anita Baumgartner„Streiten darf sein und ist sogar förderlich, wenn man sich wechselseitig aktiv zuhört, ausreden und seinen Standpunkt klarmachen lässt.“

Anita Baumgartner 

Akademische Psychotherapeutin und Mediatorin, Altmünster



Bilder: shutterstock; privat

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020