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Mädchen wird beim Darm untersucht

Sackgasse im Darm

Der Blinddarm ist eine blinde Ausstülpung – dort, wo der Dickdarm an den Dünndarm anschließt. Ein sackartiges Anhängsel am Blinddarm, acht bis zehn Zentimeter lang und höchstens sieben Millimeter dick, das ist der eigentliche Übeltäter: der Wurmfortsatz. 

Über Kirschkerne und Apfelbutz haben Generationen von Großmüttern gelehrt, sie könnten den Blinddarm verstopfen und ihn zur Entzündung bringen. Die Sorge ist ziemlich unbegründet. Obstkerne sind schon wegen ihres Durchmessers ein ausgesprochen rarer Fund im dünnen Wurmfortsatz (Appendix), berichtet OA Dr. Simon Kargl von der Klinik für Kinder- und Jugendchirurgie am Kepler Universitätsklinikum, Med Campus IV. in Linz. „Tatsache ist aber, dass bei der sogenannten Blinddarmentzündung eine verstopfte Lichtung des Wurmfortsatzes eine Rolle spielt.“ So können etwa Kotsteine, also stark verdickter, meist millimetergroßer Darminhalt, eine Wurmfortsatzentzündung (Appendizitis) begünstigen. Der bei Kindern recht verbreitete Madenwurm ist in Gewebeproben nach Blinddarmoperationen gelegentlich nachweisbar, die Rolle dieser Wurminfektion bei der Appendizitis ist allerdings unklar, berichtet der Linzer Chirurg. 

Der Wurmfortsatz reagiert manchmal auch gereizt auf harmlose Magen-Darm-Infektionen. Simon Kargl: „Das ist ein wichtiger Aspekt, weil in solchen Fällen nicht zwingend sofort operiert werden muss.“ Warum der Erkrankungsgipfel der Blinddarmentzündung zwischen dem 10. und 19. Lebensjahr liegt, ist unbekannt. Die Erkrankungsrate in der Gesamtbevölkerung beträgt zwischen sieben und neun Prozent. Klassische Anzeichen einer Blinddarmentzündung sind Schmerzen, die vom Nabel aus langsam in den rechten Unterbauch wandern. Typisch, aber nicht immer vorhanden ist auch ein Druckschmerz im rechten Unterbauch oder eine Abwehrspannung der Bauchdecke. Bei weniger als einem Prozent der Menschen ist der Blinddarm nicht im rechten Unterbauch, sondern zum Beispiel im linken Mittelbauch angesiedelt – entsprechend kann auch der Schmerz verlagert sein. Beeinträchtigter Allgemeinzustand, Fieber, Durchfall, Schmerzen beim Harnlassen, Übelkeit und Erbrechen sind hingegen mehrdeutige Beschwerden, die nicht immer vorhanden sind und auch von anderen Baucherkrankungen herrühren könnten. „Andauerndes Erbrechen ist übrigens gerade bei Kleinkindern problematisch, weil sie größere Flüssigkeitsverluste schlecht kompensieren können. Äußerst ernstzunehmen ist das grüne Erbrechen, weniger als mögliches Signal einer Appendizitis, sondern generell für heikle Baucherkrankungen“, warnt Dr. Simon Kargl. Da der Hauptanteil des Lymphgewebes ebenfalls im rechten Unterbauch liegt, können auch eine Angina (Halsentzündung) oder eine Entzündung der unteren Lungenabschnitte Bauchschmerzen hervorrufen, weil die Lymphknoten im Bauch reagieren. 

Baby weint

Je jünger die Kinder, umso schwieriger ist die Diagnose. Bei unter Dreijährigen besteht in etwa vier von fünf Fällen bereits bei Diagnosestellung ein Durchbruch im Wurmfortsatz, weil die Erkrankung sich untypisch präsentiert und deshalb oft zu spät erkannt wird. Ähnliches gilt für alte Personen und Menschen mit Mehrfacherkrankungen. Bei diesem sogenannten Blinddarmdurchbruch ergießt sich Darminhalt in die Bauchhöhle und kann dort zu ausgedehnten Entzündungen mit lebensbedrohlichen Komplikationen führen. Todesfälle waren in früheren Zeiten gar nicht selten. Simon Kargl: „Heutzutage ist das Risiko, an dieser Erkrankung zu sterben, extrem gering.“ 

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Ultraschall

Bildgebende Verfahren wie etwa der Ultraschall sind aus der Blinddarmdiagnostik nicht mehr wegzudenken. Laborwerte des Blutes sind ein ergänzender Schritt, aber kein verlässlicher Beweis einer Appendizitis. Therapie der Wahl bei akuter Blinddarmentzündung ist die Chirurgie. Die Entfernung des Wurmfortsatzes ist Routine, bei ausgedehnten Entzündungen und atypischer Lage kann der Eingriff aber auch durchaus anspruchsvoll sein. „Von einer vorbeugenden Operation, nur um das Blinddarmanhängsel loszuwerden, ist abzuraten, weil nach keiner Bauch-OP Spätfolgen wie ein Darmverschluss durch Verwachsungen auszuschließen sind“, warnt OA Dr. Kargl. Dank verfeinerter Diagnostik hat sich die Blinddarmchirurgie auch in diesem Sinn gewandelt. Der Linzer Chirurg schätzt, dass noch vor 20 Jahren dreimal so viele Blinddärme entfernt wurden wie heute. 

Weil Übergewichtige ein höheres Risiko von Wundheilungsstörungen tragen, wird bei ihnen die Laparoskopie, im Fachjargon „Schlüssellochchirurgie“, der offenen Operation vorgezogen. Auch Sportler profitieren davon, weil sie danach rascher wieder körperlich aktiv sein dürfen. In unklaren Fällen werden die Patienten zunächst stationär beobachtet und nach zwölf bis vierundzwanzig Stunden neu bewertet. OA Dr. Kargl zufolge ist aus dieser Verzögerung kein schlechterer Behandlungserfolg zu befürchten. So häufig der Einweisungsgrund „Appendizitis“ heißt – der tatsächliche Anteil an Blinddarmentzündungen ist letztlich relativ gering. 

Manchmal bekommt der Körper eine unbehandelte Appendizitis ganz von selbst in den Griff. Unter gewissen Bedingungen sind auch Antibiotika statt dem Skalpell sinn- und wirkungsvoll. Um die Gefahr eines Wiederauftretens auszuschalten, wird der unberechenbare Wurmfortsatz nach der Antibiotikatherapie in einem entzündungsfreien Intervall dann aber doch entfernt – sicher ist sicher. 

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Wurmfortsatz

Blinddarm und Wurmfortsatz geben der Medizin immer noch Rätsel auf. Lange wurden sie als funktionslose entwicklungsgeschichtliche Relikte betrachtet. Neueren Theorien zufolge könnte das lymphatische Gewebe des Wurmfortsatzes immunologische Aufgaben besitzen. Der Wurmfortsatz könnte auch Vorratskammer für gesunde Darmbakterien sein, aus denen der Dickdarm seine Darmflora regeneriert. 

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Meilensteine

An einem Londoner Spital wurde im Jahr 1735 die erste Blinddarmentfernung dokumentiert. Den heute noch üblichen gewebeschonenden schrägen „Bikinischnitt“ nannte sein amerikanischer Erfinder Dr. Charles McBurney gegen Ende des 19. Jahrhunderts noch „Wechselschnitt“. Der deutsche Gynäkologe Dr. Kurt Semm führte 1980 die erste laparoskopische Blinddarmentfernung durch. 

 

Klaus Stecher 

März 2019 

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Kommentar 

Sackgasse im Darm Kommentarbild OA Dr. Simon Kargl „Die sichere Diagnose ist für den Notarzt mitunter schwierig bis unmöglich, weil der Blinddarm auch ganz uncharakteristische Symptome bieten kann.“

OA Dr. Simon Kargl

Klinik für Kinder- und Jugendchirurgie, Kepler Universitätsklinikum Med Campus IV., Linz

Bilder: shutterstock; privat


Zuletzt aktualisiert am 27. März 2019