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Frau hält Hände auf den Hals

Stiller Reflux: HNO-Beschwerden als häufige Symptome

Ständiges Räuspern, immer heiser, Hustenreiz und ein unangenehmes Kitzeln im Hals. Halten solche unspezifischen Beschwerden ständig an, liegt möglicherweise ein sogenannter stiller Reflux vor. Er ist lästig, aber kein Schicksal, denn: Mittels Änderung des Lebensstils verschwinden diese Beschwerden in der Regel auch wieder. 

Beim stillen Reflux (Laryngopharyngealer Reflux) steigen Magensäure und/oder deren Gase durch die Speiseröhre weit nach oben und gelangen in Kehlkopf, Rachenraum, Mund, Nase, Nebenhöhlen und manchmal sogar ins Mittelohr. Dabei werden die Schleimhäute gereizt, was zu chronischen Entzündungen führen kann. Dies kann sich rasch vollziehen, da die Schleimhäute in diesen Bereichen sehr empfindlich auf den sauren Magensaft reagieren. Typisch ist, dass sich die Probleme im Liegen verstärken. 

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Abgrenzung zum Sodbrennen 

Der stille Reflux ist vom typischen Reflux (Sodbrennen) zu unterscheiden. Bei dieser Variante tritt am unteren Ende durch einen nicht vollständig schließenden Ringmuskel Magensäure in die Speiseröhre ein. Ein solcher Muskel befindet sich auch am oberen Ende der Speiseröhre. Wenn auch dieser nicht korrekt schließt, können saurer Mageninhalt oder seine Dämpfe bis in den Kopfbereich gelangen.

„Viele Menschen leiden nicht am klassischen Reflux, sondern an der stillen Variante, die sich im HNO-Bereich vor allem durch Entzündungen im Kehlkopf-Rachenraum bemerkbar macht“, sagt Dr. Martin Bruch, Hals-Nasen-Ohren-Spezialist vom Ordensklinikum Linz, Barmherzige Schwestern. „Still“ wird dieser Reflux genannt, weil er nicht das typische Brennen der Magensäure in der Speiseröhre auslöst, wie das bei der normalen Variante der Fall ist. 

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Auslöser sind bekannt 

Magensäure wird vermehrt produziert, wenn man schwere, fettige Speisen verzehrt; besonders spürt man dies, wenn man spätabends Schweinsbraten & Co verdrückt. Ebenso säurebildend sind Süßigkeiten, Kaffee, Alkohol und Zigaretten. „Das Rauchen kann dazu beitragen, dass der Schließmuskel der Speiseröhre schlecht funktioniert, er wird zu locker, der Verschlussmechanismus lässt nach. Zudem erhöhen Zigaretten die Magensäure. Beides zusammengenommen eine sehr ungünstige Kombination“, sagt Bruch. 

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Diagnose 

Meist ergibt sich eine Diagnose bereits aus einem ausführlichen Gespräch, in dem der Patient seine Beschwerden schildert, und einer einfach durchzuführenden Endoskopie. Wenn die Endoskopie eine gereizte und/oder verdickte Schleimhaut im Bereich Kehlkopf und Rachen zeigt und wenn die Stimmbänder greizt sind, liegt der Verdacht eines stillen Refluxes nahe. Bleiben Zweifel bestehen, kann man die Magensäure mittels 24 Stunden-Messung (pH-Metrie) bestimmen, um die Diagnose abzusichern. 

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Reflux, Infekt oder Allergie? 

Eine rasche Diagnose wird durch folgende Umstände erschwert:

Beschwerden wie Heiserkeit, Hustenreiz, verschleimter Kehlkopfbereich und Entzündungen in Rachen, Nase und Nebenhöhlen und Probleme beim Schlucken deuten nicht sofort auf einen Reflux hin, sondern sind klassische Symptome vieler HNO-Erkrankungen. Zuerst tippt man in der Regel auf eine Verkühlung oder Allergie, erst wenn diese möglichen Ursachen als Auslöser der Beschwerden unwahrscheinlich erscheinen, denken Ärzte und Patienten auch an einen Reflux.

Doch diese Situation bessert sich: „Früher wurde der stille Reflux häufig als solcher nicht erkannt, da die Erkrankung noch weniger bekannt war. So wurde der stille Reflux oft mit Bronchitis verwechselt und falsch behandelt. Der stille Reflux rückt aber mehr und mehr ins Bewusstsein und so denkt man heute bei vorliegenden Symptomen schneller an die Möglichkeit des stillen Sodbrennens“, sagt Bruch.

Nachteilig auf eine rasche Diagnose wirkt sich aus, dass sich beim stillen Reflux ärztliche Fachgebiete überschneiden. Ursächlicher Ausgangspunkt der Probleme ist der Magen, wofür Internisten zuständig sind; Ort der Beschwerden ist jedoch der Hals- und Kopfbereich, wofür HNO-Ärzte zuständig sind. „Beim typischen Reflux ist ein Internist oder Allgemeinchirurg die beste Anlaufstelle, wohingegen beim stillen Reflux letztendlich der HNO-Arzt am besten helfen kann“, so Bruch.  

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Lebensstil ändern 

Erste Maßnahme und zugleich wichtigster Teil der Therapie ist es, den Lebensstil zu optimieren. Man hat es in den meisten Fällen also selbst in der Hand, seine Situation zu verbessern. Tipps:

  • Schweres und/oder scharf gewürztes Essen vor dem Schlafen vermeiden. Das gilt sowohl für den Nachtschlaf als auch für einen möglichen Mittagsschlaf. Vor dem Nachtschlaf sollte man am besten zwei bis drei Stunden gar nichts mehr essen.
  • Alkohol und Nikotin reduzieren oder ganz weglassen
  • Kaffee und Schwarztee reduzieren, Kohlensäure vermeiden; viel stilles Wasser und Kräutertees dagegen sind hilfreich
  • Generell die Ernährung basenreich gestalten. Also möglichst oft Gemüse, Obst, Pilze, Kräuter und Kartoffel essen und möglichst wenig Süßspeisen, Zucker, Fleisch, Wurst, Milchprodukte und Produkte aus Weißmehl (Fastfood, Burger, Pizza etc.).
  • Lebensmittel, die man nicht gut verträgt, weglassen. Das kann zum Beispiel Milch sein, die viele Erwachsene nicht vertragen. Milch verschleimt zudem und trägt zum sauren Milieu bei
  • Übergewicht reduzieren
  • Den Kopfteil des Bettes erhöhen. Viele Lattenroste sind beweglich, man sollte den Lattenrost im oberen Bereich leicht aufstellen. Auch das Liegen auf der linken Körperhälfte kann Erleichterung bringen, da die Speiseröhre von rechts in den Magen mündet
  • Da der Körper in Stresssituationen vermehrt Magensäure produziert (Stress „schlägt sich auf den Magen“), sollte man stressige Situationen möglichst geringhalten. Ständiger Stress kann für sich alleine ausreichen, ständig Probleme mit Reflux und auch stillen Reflux zu haben. 
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Medikamente mindern Säureproduktion 

Meist reichen diese Maßnahmen aus, um die Probleme zu minimieren. Ist das nicht der Fall, kann ein Arzt Medikamente verordnen, sogenannte Protonenpumpeninhibitoren (auch Protonenpumpenhemmer, Magensäureblocker oder Magenschutz genannt), die die Produktion von Magensäure verringern. Bruch: „Die Medikamente werden sechs bis acht Wochen verabreicht, das reicht in der Regel aus, damit es dem Patienten wieder besser geht. Eine Kontrolluntersuchung bestätigt dann meist, dass sich die Schleimhäute regeneriert haben. Natürlich sollte man auch den Lebensstil ändern, sonst kann es keinen nachhaltigen Erfolg geben.“ 

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Zwang zum Räuspern 

Will das Räuspern nicht vergehen, obwohl die körperlichen Ursachen eigentlich beseitigt sind, kann das daran liegen, dass das Räuspern zwanghaft geworden ist. Es kommt sehr häufig vor, dass im Laufe der Zeit ein Räusperzwang entsteht, eine Art psychischer Tick, eine Angewohnheit. 

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Operativer Eingriff für Härtefälle 

Liegt kein bloßer Räusperzwang vor und lassen sich die Symptome mittels Lebensstiländerung und Medikamenten nicht verbessern, kommt als letzter Ausweg ein operativer Eingriff in Betracht. Dabei wird der mangelhafte Speiseröhrenverschluss am unteren Ende operativ behoben. Dieser Eingriff kann in der Regel schonend mit dem Endoskop durchgeführt werden. „Solche Eingriffe sind eher selten nötig, weil die konservative Therapie in der Regel gut anspricht“, hält Bruch fest.

 

Dr. Thomas Hartl

Juni 2019


Bild: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 21. Juni 2019