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Frauen beim Hanteltraining

Instabilität der Halswirbelsäule

Eine instabile Halswirbelsäule kann zu dauerhaften Schmerzen im Nacken und zu vielerlei anderen Beschwerden führen. Eine genaue Diagnose und eine effiziente Therapie sind nötig, um das Problem in den Griff zu bekommen. 

Die Halswirbelsäule (HWS) ist komplex aufgebaut und besteht aus Bändern, Sehnen, Bandscheiben, Wirbelgelenken, Wirbelkörper, einer Tiefenmuskulatur und einer Oberflächenmuskulatur. An all diesen Strukturen können Probleme auftreten. Jede Störung kann zu einer Instabilität und Fehlbeweglichkeit der Wirbelsäule führen. 

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Schleudertrauma und andere Ursachen 

Die Ursachen sind nicht immer eindeutig auszumachen. Am häufigsten führen Schleudertraumata und andere Gewalteinwirkungen (Stürze, Sportverletzungen) zu Fehlfunktionen und Verletzungen der HWS. Aber auch bloße Abnützungserscheinungen und Fehlhaltungen können im Lauf der Zeit zu schmerzhaften Problemen führen.

Instabilität kann auch durch eine Überbeweglichkeit der HWS entstehen. In diesen Fällen sind die Bänder, die die Beweglichkeit garantieren sollen, zu stark dehnbar. Überdehnte Bänder werden meist durch Schleudertraumata verursacht. In seltenen Fällen liegen der Überbeweglichkeit Erkrankungen des Bindegewebes, wie das Ehlers-Danlos-Syndrom oder das Marfan-Syndrom zugrunde.

Im Endstadium der Instabilität bildet sich häufig ein sogenannte Wirbelgleiten. „Dabei bleibt ein Wirbel nicht an seinem Platz, sondern gleitet vor und zurück. Man kann das im Funktionsröntgen gut erkennen. Im MR kann man sogar Frühzeichen gleitender Wirbel erkennen“, sagt Dr. Wolfgang Stelzer, Arzt für Allgemeinmedizin, Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin und medizinischer Leiter des „Zentrum Schmerzlos“ Linz und Baden bei Wien. 

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Symptome 

Die Symptome, die durch eine Instabilität ausgelöst werden, sind vielfältig und oft unspezifisch. Neben dem Hauptsymptom – den quälenden Schmerzen im Schulter-Nackenbereich – sind einzelne oder mehrere der folgenden Beschwerden möglich:

  • Verspannungen mit Hartspann
  • Gefühlsstörungen, „Ameisenlaufen“, Kribbeln, Taubheit an Händen und Füßen
  • Kopfschmerzen
  • Schwindel
  • Greifunsicherheiten
  • Sehstörungen
  • Pulsieren im ganzen Körper, Zucken
  • Schlafstörungen, Erschöpfung
  • Depressionen bei langanhaltenden Schmerzen
  • Vielfältige vegetative Symptome, wie Übelkeit, Durchfall, Nervosität, Hitzewallungen, Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen, Licht und Kälte


Die auftretenden Schmerzen ändern sich oft viele Male am Tag. Sie werden beeinflusst von der aktuellen Reizung/Bedrängung von Nerven, des Gewebes, der knöchernen Struktur. Aber auch die Tagesverfassung und das psychische Befinden spielen eine Rolle. 

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Diagnose 

Patientengespräch: Das Gespräch ist der wichtigste Schritt auf dem Weg zu einer Diagnose. „Am Anfang einer Diagnose sollte ein ausführliches Gespräch stehen. Man bespricht die Entstehung und den Verlauf der Beschwerden und die gesamten Lebensumstände des Patienten. Erst danach und nicht davor sehe ich mir die Bilder und Befunde an, die die Patienten oft bündelweise mitbringen, da man sonst auf eine falsche Fährte gelockt werden kann“, sagt Stelzer.

Körperliche Untersuchung: Der zweite Schritt ist die körperliche Untersuchung der Halswirbelsäule und umliegender Gebiete, ebenso werden die Beweglichkeit und die Körperhaltung kontrolliert.

Bildgebende Verfahren: Röntgen, Funktionsröntgen, Ultraschall, Magnetresonanz (MR) und Computertomografie (CT) stehen zur Auswahl. „Meist ist ein Funktions-Röntgen ausreichend, um eine Diagnose zu stellen. Auch eine Ultraschall-Untersuchung ist in bestimmten Fällen hilfreich, schnell durchzuführen und kostengünstig. Manchmal ist ein MRT sinnvoll, ein CT eher nicht“, sagt Dr. Stelzer. Bildgebende Verfahren dürfen aber nicht überbewertet werden, bei einem Teil der Patienten finden sich keine sichtbaren Schäden, die die Schmerzen erklären würden.

Labor: Eine Untersuchung des Blutes kann den Verdacht auf Entzündungen bestätigen oder ausschließen. Da Betroffene häufig einen Mangel an Vitaminen und Spurenelementen aufweisen (etwa an den Vitaminen B12, C, D und E bzw. Zink) sollte dies untersucht und gegebenenfalls durch Supplemente ausgeglichen werden. 

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Therapiemöglichkeiten 

Konservative Therapie: Ziel einer Therapie ist es, die HWS zu stabilisieren. Dies kann durch Kräftigung der Muskulatur und durch Haltungs- und Bewegungskorrektur gelingen. Zur Auswahl stehen:

  • Krankengymnastik, Physiotherapie, Osteopathie, Akupunktur
  • Medikamente: Neben Schmerzmitteln kann auch eine Infiltration der sogenannten Facettennerven die Schmerzen eine Zeit lang ausschalten
  • Schlafplatz optimieren (Kissen, Matratze)
  • Falls chronische Schmerzen zu Erschöpfungszuständen oder Depressionen geführt haben, sollte man auch die Psyche in die Behandlung miteinschließen
  • Supplementierung bei Mangelzuständen (vor allem auf Vitamin B12 achten)

 

„Liegen die chronischen Schmerzen nicht über einen Schmerzlevel von fünf, dann reichen in der Regel konservative Behandlungen aus. Besonders wichtig ist es, dass der Patient das in der Physiotherapie Erlernte auch im Alltag konsequent umsetzt und seine Übungen macht“, sagt der Schmerzmediziner. 

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Radiofrequenztherapie 

Mittels Radiofrequenztherapie (Interventionelle Therapie oder Denervierung oder „Veröden“ genannt) soll durch Ausschaltung gereizter oder bedrängter Nerven das Dauerfeuer auf die Schmerzzentren unterbunden und dadurch den Schmerz ausgeschaltet werden. Bei diesem minimalinvasiven Eingriff wird unter örtlicher Betäubung eine nadelförmige Stromsonde punktgenau an die erkrankten Strukturen geführt und der schmerzende Nerv verödet.

„Wir machen damit seit Jahren gute Erfahrungen. Natürlich gibt es keine Garantie auf Erfolg und man kann nicht sagen, wie lang dieser anhält, doch die langjährige Erfahrung zeigt mir, dass 85 Prozent der Patienten zwei Jahre nach der Intervention immer noch zufrieden sind. Einige ehemalige Patienten haben mir auch nach zehn Jahren noch berichtet, dass es ihnen gut geht“, sagt Stelzer. 

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Konservativ behandeln oder veröden? 

„Hat jemand seit Monaten täglich Schmerzen über einen Schweregrad von fünf, dann reicht eine konventionelle Behandlung oft nicht mehr aus und man sollte sich überlegen, ob man nicht eine solche Interventionelle Therapie durchführen lassen soll. Bei jahrelangen, großen Schmerzen können konservative Behandlungen wie Physiotherapie und Training sogar kontraproduktiv sein, weil man die beteiligten Muskeln überfordern könnte. Oft kommen dann Patienten und sagen, dass die Physiotherapie und das Training jahrelang geholfen haben, jetzt aber nicht mehr, und dass sich die Situation nun verschlimmert hat. In solchen Situationen hilft dann oft die Interventionelle Therapie“, sagt Stelzer.

Eine „Verödung“ ist jedoch immer nur Teil eines Gesamtkonzepts. Auch hier ist es wichtig, sämtliche Punkte zu optimieren, die für die HWS von Bedeutung sind – Bewegungsablauf, Haltung, Schlafplatz, Arbeitsplatz und auch die Psyche. 

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Operation 

Liegen bei einem Patienten mit instabiler HWS bereits Nervenschädigungen vor, die zu sich ausbreitenden Lähmungserscheinungen führen, dann kommt als letzter Ausweg eine Operation in Betracht. Hierbei werden einzelne oder mehrere Wirbelsegmente „versteift“. Operationen können das Problem beheben, doch ist ein Erfolg keineswegs sicher. Vor einer OP sollte man sich mehrere ärztliche Meinungen einholen.

 

Dr. Thomas Hartl

September 2019


Bild: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 25. September 2019