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Baby mit Blutschwamm am Arm

Blutschwämme im Säuglingsalter

Blutschwämme (Hämangiome) zählen zu den häufigsten Tumoren im Kindesalter. Sie sind prinzipiell gutartig, das heißt, sie metastieren nicht. In der Regel sind sie harmlos, in manchen Fällen aber ist mit Komplikationen zu rechnen, sodass eine Behandlung notwendig ist. Therapiert wird medikamentös und zwar mit dem Betablocker Propranolol. 

Hämangiome entstehen, wenn sich Blutgefäße neu bilden und zu wuchern beginnen. Fünf bis zehn Prozent der Säuglinge sind betroffen. Ein gering höheres Risiko haben Mädchen, Früh- und Mehrlingsgeburten. Diese Gefäßbildungen können sich am gesamten Körper bilden, vor allem treten sie im Kopf- und Halsbereich auf. Die Ursachen, warum so viele Babys Blutschwämme entwickeln, ist nicht eindeutig geklärt. Man vermutet eine lokale Sauerstoffunterversorgung und genetische Faktoren. 

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Wachstum, Stillstand und Rückbildung 

Das Wachstum eines Hämangioms lässt sich in drei Phasen einteilen: Wachstum, Stillstand und Rückbildung. Kurz nach der Geburt ist der Blutschwamm meist noch nicht oder kaum zu sehen, er tritt typischerweise erst einige Tage oder Wochen nach der Geburt auf. Zu Beginn ist er als kleiner roter Fleck sichtbar und nimmt in den Tagen und Wochen darauf rasch an Größe zu. Das Wachstum stoppt in der Regel nach einigen Monaten. Die größte Ausdehnung zeigt das Hämangiom typischerweise im Alter von sechs bis neun Monaten, selten erst nach ein bis eineinhalb Jahren. Im Anschluss bildet sich der Blutschwamm langsam wieder zurück. „In den meisten Fällen ist die Rückbildung vollständig. Manchmal bleibt jedoch eine minimale Schwellung, narbenähnliches Gewebe oder eine faltige, schlaffe Haut zurück. Mitunter ist es nötig, diese Areale nach der Rückbildung mit einem Laser zu behandeln oder einer plastisch-chirurgischen Korrektur zu unterziehen“, sagt Dr. Martin Henkel, Primar der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde am Ordensklinikum Linz, Barmherzige Schwestern. 

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Behandlung nur in bestimmen Fällen 

Blutschwämme sind in der Regel harmlos und es reicht aus, wenn man ihr Wachstum abwartend beobachtet. In den meisten Fällen bedürfen Blutschwämme daher keiner Therapie. Bildet sich zum Beispiel ein kleinerer Schwamm am Rücken, wird man ihn zwar beobachten, aber nicht behandeln.

Die unterschiedlichen Körperstellen, an denen die Hämangiome auftreten, haben jeweils eine besondere klinische Bedeutung, wovon sich dann auch die Notwendigkeit einer Therapie ableitet.

Eine aktive Therapie ist nötig:

  • Wenn Hämangiome heftig wuchern, also in ihrer Größe und Dicke ungewöhnlich stark wachsen und ein Geschwür bilden, oder
  • wenn sie an einer heiklen oder gefährlichen Stelle wachsen: Solche Stellen sind: Mund (Behinderung bei der Nahrungsaufnahme, Deformierungen der Lippen (Sprechprobleme); sogar Kiefer- und Zahnstellungsanomalien sind möglich), Kehlkopf (Gefahr, dass das Kind nicht atmen und schlucken kann), Augen (Gefahr, dass das Kind erblindet), Nase, Ohren (mögliche Deformierungen), Genitalien, Analbereich, Hände und Füße (wenn das Kind nicht auftreten kann). Im Gesichtsbereich sind sie nicht nur gefährlich, sondern führen auch zu ästhetischen Beeinträchtigungen, wenn sie nicht behandelt werden. 
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Welcher Arzt zuständig ist 

Bei den meisten (unbedenklichen) Hämangiomen ist es ausreichend, wenn diese ein Kinderarzt im Rahmen der Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen kontrolliert.

Bei Vorliegen bedenklicher Hämangiome und bei vielfachen Hämangiomen ist es notwendig, dass sich ein spezialisiertes Team (bestehend aus Kinderärzten, plastischen Chirurgen, Radiologen und – falls erforderlich – Augen- oder HNO-Ärzten) um die kleinen Patienten kümmert. „Unser Board für infantile Hämangiome am Standort der Barmherzigen Schwestern ist auf diesem Gebiet spezialisiert. Wir werden aus ganz Österreich angefragt, um Kindern mit therapiebedürftigen Gefäßneubildungen zu helfen“, sagt Henkel. 

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Propranolol-Therapie 

Therapiert wird medikamentös und zwar mit dem Betablocker Propranolol. Der Wirkstoff ist primär als orales Medikament erhältlich. Eine Betablocker-Therapie ist durchzuführen, wenn das Hämangiom an einer problematischen Stelle angesiedelt ist (vor allem im Gesichts- und Halsbereich sowie im Genital- und Extremitätenbereich) und bei drohenden dauerhaften ästhetischen Beeinträchtigungen.

„Früher musste man vor allem mit Kortison behandeln und eventuell viele Nebenwirkungen hinnehmen, doch seit im Jahr 2008 zufällig entdeckt wurde, dass Propranolol Blutschwämme drastisch zurückdrängt, kommt vor allem diese Substanz zum Einsatz. Die Wirkung ist sehr gut und sie auch gut steuerbar. Mittlerweile ist dieses Medikament erste Wahl“, sagt Henkel. 

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Genaue Abklärung wichtig 

Bevor man Propranolol einsetzt, ist allerdings eine pädiatrische Abklärung notwendig. „Wir nehmen die kleinen Patienten zu diesem Zweck für zwei Tage stationär auf, führen eine Durchuntersuchung inklusive kardiologischer Diagnostik durch und klären ab, ob es sich um ein therapiebedürftiges Hämangiom oder vielleicht doch um eine vaskuläre Fehlbildung handelt. Ist eine Therapie nötig, sollte sie so rasch wie möglich einsetzen. Zuerst muss man jedoch die Eltern genau aufklären. Dann beginnt man mit einer geringen Medikamentendosis. Wird diese problemlos vertragen, wird die Dosis gesteigert. Nur selten treten Nebenwirkungen wie Schlafstörungen auf. Die Eltern werden instruiert, bei einer schweren Bronchitis oder einem Brechdurchfall nach Rücksprache das Medikament kurz auszusetzen.“ 

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Verlaufskontrollen 

Nach der Entlassung des Kindes aus dem Krankenhaus wird die Größe des Hämangioms in bestimmten Abständen ambulant kontrolliert. Nach zirka sechs bis neun Monaten kann die Therapie meist stufenweise ausgeschlichen werden. 

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Abgrenzung zu vaskulären Fehlbildungen 

Hämangiome werden häufig mit vaskulären Fehlbildungen (Gefäßmalformationen) verwechselt. Diese Fehlbildungen unterscheiden sich von den Blutschwämmen jedoch in einigen Punkten:

  • Sie sind bereits bei der Geburt gut sichtbar vorhanden,
  • wachsen sehr langsam, bilden sich in der Regel nicht zurück und
  • weisen keinen Tumorcharakter auf.

Die frühzeitige Unterscheidung von Blutschwämmen zu vaskulären Fehlbildungen ist im Hinblick auf die Entscheidung für eine aktive Therapie oder ein abwartendes Vorgehen sehr wichtig. Vaskuläre Fehlbildungen können mit Gefäßverödung therapiert werden.

Es existieren viele verschiedene Arten von vaskulären Fehlbildungen. Die meisten sind harmlos, vor allem wenn es sich um sogenannte „Storchenbisse“ handelt. Große und komplexe Fehlbildungen sind selten, benötigen aber eine sorgfältige Diagnose und Therapieplanung.

 

Dr. Thomas Hartl

Oktober 2019


Bild: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 02. Oktober 2019