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Lehrpraxis Allgemeinmedizin: Eine qualitative Studie



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Kurzbericht

Die bis dahin freiwillige Lehrpraxis, die im Krankenhaus oder im niedergelassenen Bereich absolviert werden konnte, wurde durch eine Änderung in der Ausbildungsordnung zur bzw. zum AllgemeinmedizinerIn im Jahr 2015 ein verpflichtender Ausbildungsabschnitt.
Weiters muss dieser Teil der Ausbildung nun in einer niedergelassenen Lehr(gruppen)praxis absolviert werden. Die Lehrpraxiszeit am Ende der Ausbildung hat zum Ziel, die angehenden AllgemeinmedizinerInnen an den Praxisalltag heranzuführen und ihnen dabei die medizinische Arbeit in einer Ordination näher zu bringen.

 

Dieser vom Dachverband mitfinanzierte Abschnitt der Lehrpraxis ist Kernthema der Studie. Ziel ist es dabei ein Stimmungsbild über diese sechsmonatige praktische Ausbildung von Ausbildungsverantwortlichen und LehrpraktikantInnen zu erheben. Um den Ausbildungsabschnitt der Lehrpraxen zu untersuchen, wurde das Institut für Soziologie der Universität Wien vom Dachverband der Sozialversicherungsträger mit einer qualitativen Studie beauftragt.
In der Erhebung werden Themen behandelt wie die Zusammenarbeit zwischen LehrpraxisinhaberInnen und LehrpraktikantInnen, etwaige Arbeitsbe- oder -entlastungen für Ausbildungsverantwortliche, die Qualität und die Zielgenauigkeit der Ausbildung. Außerdem werden im Lehrpraktikum erworbene Kompetenzen untersucht, sowie Empfehlungen für andere LehrpraxisinhaberInnen und LehrpraktikantInnen gegeben.

 

Folgende drei Fragen leiten dabei die Untersuchung:
- Führt die Beschäftigung von LehrpraktikantInnen zu einer Arbeitsentlastung der LehrpraxisinhaberInnen?
- Welche Kompetenzen erwerben LehrpraktikantInnen über dieses Ausbildungsangebot?
- Wie ist die Qualität des Modells der Lehrpraxis einzuschätzen?

 

Für die vorliegende Studie wurden zwischen September und Dezember 2019 insgesamt 30 problemzentrierte Interviews mit Personen in allen österreichischen Bundesländern – mit der Ausnahme von Vorarlberg – geführt. Alle Personen waren in einer allgemeinmedizinischen Lehrpraxis tätig. In beiden Gruppen, den LehrpraktikantInnen und den LehrpraxisinhaberInnen, wurden je 15 Personen aus urbanen und ruralen Gebieten befragt. Da nicht immer LehrpraktikantIn und LehrpraxisinhaberIn aus der gleichen Ordination befragt wurden, bestand das Sample aus 14 Einzelpraxen, zwei Gruppenpraxen und einem Primärversorgungszentrum. Die Datenauswertung erfolgte nach Witzel. Alle Einzelfälle wurden zunächst separat analysiert und danach vergleichend weiterbearbeitet. Daraus ergeben sich folgende Schlussfolgerungen, die über den Einzelfall hinausführen.

 

Bei der Wahl einer Lehrpraxis spielt für die Auszubildenden besonders die zeitliche Verfügbarkeit, die geographische Nähe und die fachliche Ausrichtung der Ausbildungsstätte eine Rolle. Gefunden und kontaktiert werden die Lehrpraxen in der Regel über die online verfügbare Liste der Ausbildungsstätten der Ärztekammer Österreich, wobei vereinzelt auch persönliche Kontakte eine Rolle spielten.
Ausbildungsverantwortliche bevorzugen bei der Auswahl ihrer zukünftigen LehrpraktikantInnen jene, die später auch als niedergelassenen AllgemeinmedizinerInnen arbeiten wollen. Als geeignet für den Beruf als AllgemeinmedizinerIn charakterisieren die LehrpraxisinhaberInnen empathische, stressresistente, organisierte Personen, die gut mit Menschen umgehen können, und selbstbewusst auftreten.

 

Die Zusammenarbeit innerhalb der Ordination wird von beiden Seiten als sehr gut beschrieben. LehrpraktikantInnen lernen viel durch die neue Zusammenarbeit und es findet ein reger fachlicher Austausch statt. Speziell konnten in den drei Bereichen des medizinisch-fachlichen Wissens, dem Kosten-Mitteleinsatz und bezüglich des sozialen Umgangs mit PatientInnen Kompetenzen erworben werden. Weiters haben die Auszubildenden eigener Aussagen zufolge nach Abschluss der Lehrpraxis ein differenziertes Bild der hausärztlichen Praxis, deren Zuständigkeiten und Krankheitsbildern.
Ebenso positiv wird die Reaktion der PatientInnen interpretiert, die es als Merkmal fachlicher Kompetenz ansehen, wenn ihre hausärztliche Praxis auch eine Ausbildungsstätte für zukünftige AllgemeinmedizinerInnen ist.

 

Eine Arbeitsentlastung lässt sich für die LehrpraxisinhaberInnen ab dem dritten Monat feststellen. In der Zeit davor sehen sie die Mitarbeit von LehrpraktikantInnen mit einem zeitlichen Mehraufwand verbunden. Eine detaillierte Einschulung von MitarbeiterInnen kostet anfangs viel Zeit und die LehrpraktikantInnen brauchen Anleitung sowie Kontrolle, da sie ihr Können erst beweisen müssen. Durch das Mitwirken einer weiteren Person in der Praxis wird der Arbeitsalltag im Laufe der Zeit jedoch entspannter, der subjektiv wahrgenommene Stress reduziert sich und es kann mehr Zeit für einzelne PatientInnen aufgewendet werden.
Vereinzelt lässt sich im ländlichen Raum sogar eine verkürzte Arbeitszeit für die PraxisinhaberInnen feststellen.

 

Beide Befragtengruppen sehen die Lehrpraxis als einen besonders wichtigen Abschnitt in der allgemeinmedizinischen Ausbildung an. Es ist der Ort, an dem Auszubildende lernen, PatientInnen über einen längeren Zeitraum hinweg medizinisch zu begleiten; es ist häufig der erste Zeitpunkt, an dem selbstständiges und eigenverantwortliches Arbeiten in der Medizin erfolgt. Durch die Konfrontation mit dieser Situation sinkt die Hemmschwelle sich im niedergelassenen Bereich selbständig zu machen. Basierend darauf sind die Befragten auch Großteils der Meinung, dass die Lehrpraxis auf mindestens neun Monate, idealerweise sogar auf zwölf Monate verlängert werden soll. Für eine Verlängerung der Lehrpraxiszeit spricht ebenfalls das Argument, dass sich die PatientInnen erst eine Zeit lang an die neuen MitarbeiterInnen gewöhnen müssen. Kurze Zeit nachdem ein Vertrauensverhältnis zwischen TurnusärztInnen und PatientInnen entsteht, endet momentan die Ausbildungsdauer.
Unter anderem wird ebenfalls das im Vergleich zum Spitalsturnus geringere Gehalt der LehrpraktikantInnen von beiden Befragtengruppen thematisiert. Dies sei oftmals ein Hindernis für PraktikantInnen, die zum Beispiel bereits Kinder haben. Bei einer Verlängerung der Lehrpraxiszeit wäre diese Barriere noch beträchtlicher.
Über die Mitfinanzierung der Sozialversicherung sind die LehrpraxisinhaberInnen sehr erfreut und dankbar.
Möglichkeiten der Verbesserung des Lehrpaxisangebots werden unter anderem im Bereich der Fort- und Weiterbildung für PraktikantInnen aufgezeigt. LehrpraktikantInnen wünschen sich im Rahmen der Lehrpraxis begleitende geblockte Kurse zu betriebswirtschaftlichen Themen. Aufgrund der geringen Dauer des Lehrpraktikums liegt der Lehrfokus derzeit auf medizinischen Themen.
Mehr Informationen über den Aufbau eines eigenen Unternehmens und den Umgang mit den Gesundheitskassen würden eine Niederlassung im allgemeinmedizinischen Bereich für die LehrpraktikantInnen wesentlich attraktiver machen.
Auch Vernetzungsangebote, durch Qualitätszirkel oder Internetforen, sind für die Auszubildenden und die Ausbildungsverantwortlichen eine erstrebenswerte Idee. Für die engagierten LehrpraxisinhaberInnen sind außerdem Supervisionsangebote interessant.
Das Resümee der LehrpraktikantInnen am Ende ihrer Ausbildungszeit fällt sehr positiv aus. Durch die Mitarbeit in einer niedergelassenen Praxis sinkt die Angst davor selbstständig niedergelassen zu arbeiten und der erstmals in ihrer Ausbildung so intensive Kontakt zu den PatientInnen bestärkt sie in ihrem Können bzw. zeigt ev. Schwächen auf. Das enge Betreuungsverhältnis ermöglicht den Auszubildenden außerdem ein unmittelbares Feedback zum eigenen Handeln.
Auch die LehrpraxisinhaberInnen ziehen ein positives Fazit am Ende der Lehrpraxiszeit, da sie den fachlichen Austausch genießen und sie durch die Mitarbeit einer auszubildenden Person ab etwa der Hälfte der Ausbildungszeit eine Arbeitsentlastung wahrnehmen.



Zuletzt aktualisiert am 14. September 2020