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Reizmagen – Belastend, aber nicht gefährlich

Reizmagen – Belastend, aber nicht gefährlich

Von einem Reizmagen oder auch funktioneller Dyspepsie sprechen Ärzt:innen, wenn für ständige oder wiederkehrend Magenschmerzen keine organische Ursache gefunden werden kann. Die Diagnose wird durch Ausschlussverfahren gestellt. Auch wenn die Erkrankung an sich harmlos ist, führt sie häufig zu einer erheblichen Beeinträchtigung der Lebensqualität der Betroffenen. Die Lebensweise hat starken Einfluss auf die Beschwerden und ist damit auch ein Schlüssel zur Minderung der Symptome.

 

Man unterscheidet prinzipiell zwei Typen des Reizmagens:

  • Bei der ersten Form treten Beschwerden ohne Zusammenhang mit der Nahrungsaufnahme auf. Die Symptome sind Schmerzen und Brennen in der Magengegend. Diese Form wird als „Epigastric Pain Syndrom“ bezeichnet.
  • Bei der zweiten Form kommt es nach oder auch schon während des Essens zu Völlegefühl, Übelkeit und vorzeitigem Sättigungsgefühl. In diesem Fall spricht man von „Postprandial Distress Syndrome“.
  • Ein Teil der Patienten leidet an beiden Typen gleichzeitig.

 

Weitere Symptome 

Weitere mögliche Symptome, die in unterschiedlicher Ausprägung auftreten können, sind Sodbrennen und Aufstoßen, Appetitlosigkeit, Unwohlsein und Erbrechen sowie ein Blähbauch. Nicht selten treten in Zusammenhang mit den Beschwerden andere vegetative Symptome wie Schwitzen, Herzrasen und Kreislaufprobleme auf.

Typisch für einen Reizmagen ist, dass die Symptome immer wieder kehren, insbesondere während mental belastender Lebensphasen. Allerdings können die Beschwerden auch dauerhaft vorhanden sein.

 

Häufiges und mehrheitlich weibliches Problem 

Von einer funktionellen Dyspepsie sind circa 20 Prozent der Menschen zumindest zeitweise und häufiger Frauen als Männer betroffen. „Bis zu 40 Prozent der Patientinnen und Patienten mit Reizmagen leiden zusätzlich an einem Reizdarm“, sagt OA Priv.-Doz. Dr. Christine Kapral, Fachärztin für Innere Medizin und Ernährungsmedizinerin im Ordensklinikum Linz.

 

Erhöhte Empfindsamkeit 

Die Ursache für einen Reizmagen sind nicht ausreichend geklärt. Ein Grund für die Erkrankung dürfte eine erhöhte Empfindsamkeit und Schmerzwahrnehmung im Bereich des oberen Verdauungstraktes sein, was als viszerale Hypersensitivität bezeichnet wird. Aufgrund dieser Überempfindlichkeit nehmen Betroffene die normale Tätigkeit des Magens wahr, teilweise sogar als Schmerzen, was bei Gesunden nicht der Fall ist.

 

Überaktive Darm-Hirn-Achse 

Bei Menschen mit Reizmagen ist die Darm-Hirn-Achse überaktiv, und zwar in beiden Richtungen, also vom Darm zum Hirn und auch vom Hirn zum Darm. Das bedeutet, dass sich das Befinden von Körper und Psyche gegenseitig beeinflusst.

Eine weitere zusätzliche Ursache für eine funktionelle Dyspepsie dürfte eine veränderte Beweglichkeit des Magens sein, so dass sich dieser nur verzögert in den Dünndarm entleert, was in weiterer Folge zu Völlegefühl und Übelkeit führt.

 

Verbindung von Psyche und Verdauungsorganen 

Sehr häufig sind Patient:innen mit Reizmagen ängstlich und depressiv, fühlen sich ständig belastet und unter Stress. Sie neigen zur Somatisierung. Das bedeutet, dass sich ihre psychischen Probleme auf körperlicher Ebene manifestieren. Hierbei kommt ein negativer Kreislauf in Gang. Die Probleme führen zu körperlichen Beschwerden. Körperliche Beschwerden lösen wiederum Angst und Stress aus, da man nicht weiß, was den Symptomen zugrunde liegt. Dieser Stress wieder verstärkt die Beschwerden. Die Verbindung von Psyche und Verdauungsorganen kommt in manchen Redensarten treffend zum Ausdruck, etwa mit „das schlägt mir auf den Magen“ oder „da kommt mir die Galle hoch“.

„Von ärztlicher Seite ist es das Allerwichtigste, den Patientinnen und Patienten verständlich zu erklären, dass hinter ihren Beschwerden keine gefährliche Krankheit steckt, die ihr Leben verkürzt, sondern dass es sich um funktionelle und lästige, aber harmlose, Symptome handelt. Das Wissen der Betroffenen um die Harmlosigkeit der Beschwerden kann den Kreislauf von Ängsten und Symptomen deutlich positiv beeinflussen“, sagt Kapral.

 

Einfluss des Lebensstils 

Verstärkt werden die Beschwerden durch ungesunde Lebensgewohnheiten wie Hektik und Stress, Rauchen, üppiges und fettes Essen, zu viel Kaffee und Alkohol, Bewegungsmangel und auch durch bestimmte Schmerzmittel oder andere Medikamente. Oft ist es die Kombination mehrerer dieser Faktoren, die die Symptomatik hervorruft. Durch eine Änderung schlechter Lebensgewohnheiten liegt es zumindest teilweise in der Hand der Betroffenen, ihre Beschwerden zu reduzieren.

 

Erlerntes Verhalten 

Reizmagen tritt in Familien gehäuft auf. „Das ist aber nicht auf eine genetische Veranlagung zurückzuführen, sondern es handelt sich gemäß dem bio-psycho-sozialen Modell um ein erlerntes Verhalten. Die Kinder erleben zu Hause, wie ihre Eltern mit Stress und schwierigen Situationen umgehen. Innerhalb einer Familie bestehen zudem dieselben Ernährungs- und Lebensgewohnheiten. Wenn den Eltern beispielsweise Stress auf den Magen schlägt, reagieren demnach auch die Kinder in vielen Fällen in Stresssituationen mit den gleichen Beschwerden. Das soziale Umfeld spielt also eine bedeutende Rolle. Auffallend ist, dass sozial schlechter gestellte Menschen häufiger an funktionellen Beschwerden des Magen-Darm-Traktes leiden“, sagt Kapral.

 

Diagnose – Genaue Abklärung beruhigt Patienten 

Um die Diagnose eines Reizmagens zu stellen, ist von der betreuenden Ärzt:in eine genaue Erhebung der Krankengeschichte und des Beschwerdebildes der Patient:innen notwendig. Im Rahmen dessen sollte auch auf belastende Umweltfaktoren und Lebensgewohnheiten eingegangen werden. Zur Abklärung der Symptome sollte eine Magenspiegelung durchgeführt werden, die zumeist unter Sedierung und schmerzfrei für die Patient:innen erfolgt. Weiters sind ein Ultraschall, eine Laboruntersuchung und je nach klinischem Bild eine Austestung auf Nahrungsmittelunverträglichkeiten sinnvoll. Ergeben die Untersuchungen keinen pathologischen Befund, erhärtet das den Verdacht für das Vorliegen einer funktionellen Dyspepsie.

„Genaue Untersuchungen sollten auch deshalb vorgenommen werden, um andere mögliche Erkrankungen nicht zu übersehen. Zudem gibt eine genaue Abklärung den Betroffenen Gewissheit, dass ihre Beschwerden durch keine organische gefährliche Erkrankung verursacht werden. Das Wissen um die Harmlosigkeit der Symptome ist wichtig und auch hilfreich für eine erfolgreiche weitere Therapie“, erklärt Kapral.

 

Was man selber tun kann

Hilfreich bei bestehendem Reizmagen und zugleich vorbeugend gegen Beschwerden sind folgende Maßnahmen:

  • Stress und Belastungen möglichst reduzieren und Konfliktsituationen lösen
  • Nicht rauchen
  • Alkohol meiden
  • Übergewicht reduzieren
  • Ausgewogene, gesunde und möglichst fleischarme Ernährung, individuell unverträgliche Nahrungsmittel meiden, „magenfreudliche“ Zubereitung durch Kochen, Dämpfen oder Dünsten
  • ausreichend Schlaf
  • Ausdauertraining: Sanfter und regelmäßiger Ausdauersport wie Radfahren, Laufen, Joggen oder Nordic Walking
  • Entspannungstechnik erlernen, wie autogenes Training, progressive Muskelentspannung nach Jacobson, Meditation, Yoga etc.
  • bauchgerichtete Hypnosetherapie bei dafür ausgebildeten Therapeut:innen

 

Mögliche Therapiemaßnahmen 

Wichtig in der Therapie des Reizmagens ist das Wissen der Betroffenen um das Wesen der Beschwerden und dass es sich dabei um eine funktionelle Störung ohne eine fassbare organische Erkrankung handelt.

Lebensstil und Essensgewohnheiten gilt es als ersten Schritt zu verbessern, was in vielen Fällen ausreicht. Eine individuelle Ernährungsberatung ist oft ausgesprochen hilfreich.

In weiterer Folge sollten Entspannungstechniken erlernt und ein leichtes regelmäßiges Ausdauertraining durchgeführt werden.

Auch Hausmittel wie warme Umschläge, Kirschkernkissen oder Bauchmassage sind bei milden Beschwerden oft hilfreich.

Bei geringer Symptomatik kann eine Phytotherapie versucht werden, das heißt Arzneimittel, deren wirksame Bestandteile ausschließlich aus pflanzlichem Material besteht. wie etwa Pfefferminze und Kümmel.

Bei stärkeren Symptomen können bei Bedarf verschiedene Medikamente zum Einsatz kommen. Bei essensunabhängigen Beschwerden werden Magensäureblocker (Protonenpumpenhemmer) oft erfolgreich eingesetzt. Treten die Beschwerden allerdings in Zusammenhang mit der Nahrungsaufnahme auf, kommen sogenannte Prokinetika zum Einsatz. Diese beschleunigen die Entleerung des Speisebreis aus dem Magen in den Dünndarm.

Patienten, bei denen eine Angstsymptomatik im Vordergrund steht, kann eine Psychotherapie weiterhelfen. „In diesen Fällen ist auch der Einsatz von niedrig dosierten trizyklischen Antidepressiva hilfreich, zumal diese eine günstige direkte Wirkung auf die Überempfindlichkeit des Magens haben“, sagt Kapral.

 

Dr. Thomas Hartl
Jänner 2022

 

Bild: AdobeStock/Andrey Popov



Zuletzt aktualisiert am 07. Januar 2022