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Schulterluxationen: Wann operieren?

Schulterluxationen: Wann operieren?

Eine ausgerenkte Schulter ist eine äußerst schmerzhafte Angelegenheit, bei der der Oberarmkopf aus der Gelenkspfanne rutscht. Häufig passiert das beim Sport und bei Stürzen. Aber auch bei sehr elastischen Bändern kann die Schulter auskugeln. Je nach Begleitverletzungen und Alter der Person kommt eine konservative Behandlung oder eine Operation in Betracht.

 

Die Schulter ist das beweglichste Gelenk des menschlichen Körpers. Dieses Gelenk funktioniert durch ein Zusammenspiel der gelenkbildenden Knochen, der Gelenkskapsel, von Muskeln, Bändern und Sehnen. Die Schulter ermöglicht uns, den Arm für all unsere Tätigkeiten einzusetzen. Dieses Gelenk muss hohen Anforderungen standhalten, durch seinen Aufbau ist es jedoch anfällig für eine Luxation – also dafür, auszukugeln.

 

Die häufigsten Ursachen 

Fast zwei Prozent der Bevölkerung sind im Laufe ihres Lebens von Schulterluxationen betroffen, Tendenz steigend. Am häufigsten treten sie bei jungen Männern infolge sportlicher Aktivitäten auf. Bei älteren Menschen ist dagegen ein Sturz die häufigste Ursache. Bei bestimmten Sportarten und bei einem Sturz ist das Schultergelenk großem Druck ausgesetzt. Wenn Bänder und Muskeln das Gelenk nicht länger halten können, kugelt es aus. Dabei springt oder rutscht der Oberarmkopf aus der Gelenkspfanne.

Sport: Luxationen treten vor allem bei Kontakt-, Überkopf- und Schlagsportarten (Handball, Klettern, Speerwurf, Tennis, Golf etc.) auf, die das Schultergelenk besonders beanspruchen. Infolge immer wiederkehrender Belastungen kann es zu einer Lockerung des vorderen Kapsel-Bandapparates kommen, die das Entstehen einer Gelenkinstabilität begünstigt. Kurz gesagt: Die Gelenkskapsel wird gedehnt und das Gelenk instabil (es „leiert aus“).

Stürze: Traumatische Schulterluxationen können infolge von Stürzen und vor allem Außenrotationstraumen auftreten. Häufig passiert das beim Versuch, sich mit dem Arm bei einem Sturz abzufangen. „Rund 95 Prozent der Ausrenkungen sind nach vorne gerichtet. Typischerweise geschieht das bei einem Sturz, wenn man reflexartig nach oben greift, um ihn abzufangen. Man hält sich an einem Gegenstand fest und fällt in das eigene Körpergewicht, wobei der Arm nach hinten oben gerissen wird“, erklärt Dr. Franz Unger, Facharzt für Unfallchirurgie und Sporttraumatologie mit Spezialgebiet Schulterchirurgie (Er führt Ordinationen in Linz und Wien.).

 

Vorfall erkennen und Diagnose 

Kugelt die Schulter aus, treten starke Schmerzen auf und der Arm kann nicht mehr richtig bewegt werden. Meist ist eine Verrenkung (Luxation) auch optisch durch einen nach vorne stehenden Oberarmkopf zu erkennen. Man kann eine „leere Pfanne“ ertasten. Eine Diagnose über Art und Ausmaß der Verletzung ergibt sich durch eine klinische Untersuchung und eine Röntgenkontrolle. Eine Magnetresonanztomographie kann genauer darüber Aufschluss geben, ob es zu weiteren Verletzungen der Schulter gekommen ist.

 

Anlagebedingte Schulterluxationen 

Neben einer traumatischen – durch Sport oder Sturz – bedingten Schulterluxation, gibt es auch eine anlagebedingte (auch atypische oder habituelle genannte) Schulterinstabilität. In diesen Fällen besteht ein lockerer Kapsel-Band-Apparat, eine geringe muskuläre Stabilisierung oder eine ungünstige Form und Position der Gelenkspfanne. Aufgrund von schwachen Bändern und weichem Bindegewebe kann schon eine alltägliche Bewegung zum Auskugeln der Schulter führen. „Das Gelenk kann in diesem Fall ohne ein gewaltsames (traumatisches) Ereignis auskugeln, beispielsweise, indem man im Liegen nach der Nachttischlampe greift“, erklärt Unger.

Von dieser Art des Auskugelns der Schulter betroffen sind vor allem junge Menschen und Menschen mit überbeweglichen Gelenken.

 

Operieren oder nicht? 

Ob es infolge einer Schulterluxation zu einer Operation oder einer konservativen Therapie kommt, hängt vor allem vom Alter und eventuellen Begleitverletzungen ab.

Eine Operation ist unverzichtbar, wenn Bänderrisse und Luxationsfrakturen aufgetreten sind. Ist beispielsweise der Oberarmkopf abgesplittert oder eingebrochen, wird operiert. Bei Absplitterung vom Knochen der Gelenkspfanne, muss diese wiederaufgebaut werden.

Wurden wichtige Stabilisatoren in der Schulter verletzt, sollten diese bei jüngeren Patienten frühzeitig operiert werden, um die Stabilität der Schulter zu sichern. Ohne Operation besteht die Gefahr, dass die Schulter dauerhaft instabil wird und künftig auch bei Alltagsbewegungen auskugeln könnte.

Das Risiko von sich wiederholenden Luxationen ist ein maßgeblicher Faktor bei der Entscheidung pro oder contra Operation. Bestimmt wird das Wiederholungsrisiko vom Alter der Betroffen. Dieses ist bei jungen Menschen sehr hoch und nimmt im Laufe der Jahre stetig ab. 90 bis 95 Prozent der unter 20-Jährigen müssen mit Rezidiven (Wiederholungen) rechnen, falls sie nicht operiert werden. „Bei 20- bis 30-Jährigen sind es noch 80 Prozent. Betroffene dieser Altersgruppen werden daher sehr häufig operiert. Menschen über 30 Jahre haben nur ein 30-prozentiges Wiederholungsrisiko. Bei ihnen wird daher konservativ – mit Ruhigstellung, Verband und Physiotherapie – behandelt. Eine Operation erfolgt in diesem Alter in der Regel nur, falls sich die Luxation wiederholt“, erklärt Unger.

Ein Teil der Patienten mit traumatischen Luxationen spricht sich gegen eine Operation aus, auch wenn eine solche sinnvoll wäre. In diesen Fällen drohen wiederholte Luxationen, zudem steigt das Risiko einer vorzeitigen Arthrose im betroffenen Schultergelenk.

 

Schlüssellochchirurgie 

Steht die Operation fest, wird eine Arthroskopie (Gelenkspiegelung) durchgeführt, um den Schaden des Gelenkes beurteilen zu können. Die diagnostizierte Verletzung bestimmt die weitere Art der Operation. Luxationen werden in der Regel arthroskopisch (minimalinvasiv mit Kamera) durchgeführt. Diese Eingriffe verursachen nur kleine Wunden, wenige Infekte und nur selten kommt es zu Verletzungen von Nerven und Gefäßen. „Die operative Therapie hat sich in den letzten Jahren stark weiterentwickelt, wodurch heute sehr viele Operationen arthroskopisch, also mittels der sogenannten Schlüssellochchirurgie durchgeführt werden können“, so Unger.

 

Operation zur Stabilisierung der Schulter 

Ziel der meisten Operationen ist die Stabilisierung der Schulter. Beispielsweise ist bei der häufigen Verletzung einer abgerissenen Schultergelenkslippe eine Stabilisierung nötig. Die Lippe kann arthroskopisch wieder an die Schulterpfanne fixiert (angenäht) werden.

 

Verschiedene Methoden 

Zur Stabilisierung stehen verschiedene Arten von Operationen zur Verfügung. „Standard hierzulande ist die arthroskopische Bankart Operation. Dabei handelt es sich um eine minimalinvasive, risikoarme Operation, die den natürlichen Zustand des Gelenks wieder herstellt. Das Rezidivrisiko nach dieser Operation liegt bei circa 15 Prozent“, erklärt Unger. Alternativ besteht die Möglichkeit einer Latarjet Operation, bei der minimalinvasiv oder offen operiert wird. Mit ihr können auch schwer instabile Schultern nach vielen Luxationsereignissen arthroskopisch stabilisiert werden. Das Rezidivrisiko liegt bei vier bis fünf Prozent. Eine weitere, in manchen Teilen Österreichs, etablierte Stabilisierungsoperation ist die von Prof. Herbert Resch (ehemaliger Vorstand der Universitätsklinik Salzburg) entwickelte sogenannte J-Span Plastik.

 

Mögliche Einschränkung des Rotationsvermögens 

Operationen stabilisieren das Gelenk. Es kann dadurch jedoch zu einer Einschränkung des Rotationsvermögens des Armes kommen. Für Tennisspieler kann das beispielsweise dazu führen, dass sich infolge verminderter Außendrehbewegung des Armes die Aufschlaggeschwindigkeit beim Aufschlag reduziert. „Viele Sportler haben nach Operationen jedoch keine Einschränkung. Mario Matt etwa kugelte sich bei einem Start die Schulter aus, indem er mit dem Stock hängenblieb. Er wurde operiert und später Olympiasieger“, erzählt Unger.

 

Nach der Operation 

Nach der OP muss für vier bis sechs Wochen ein Verband getragen werden. Zusätzlich erfolgt eine passive Mobilisierungs-Physiotherapie. Nach der Abnahme des Verbandes kann mit einer aktiven Physiotherapie begonnen werden, wobei der Patient aktiv an der Stärkung und Koordinierung seiner Bewegung arbeitet. Sechs Monate lang soll man auf alle Kontakt- und Überkopfsportarten und auf Überkopf-Krafttraining verzichten, ansonsten droht eine neuerliche Luxation. Mit einem Ausdauertraining kann man in Absprache mit der behandelnden Ärzt:in bereits früher beginnen.

 

Konservative Behandlung von anlagebedingter Instabilität 

Bei anlagebedingten Luxationen (also ohne gewaltsame Einwirkungen) wird in der Regel konservativ behandelt. Das bedeutet, dass keine Operation durchgeführt wird, sondern das Problem mit anderen Maßnahmen therapiert wird. Patienten mit einer traumatischen (anlagebedingten) Schulterinstabilität können sich die Schulter in aller Regel selber wieder einrichten. Bei traumatischen (unfallbedingten) Schulterverrenkungen sind folgende Akutmaßnahmen notwendig:

  • Zunächst wird das Schultergelenk unter medikamentöser Entspannung oder Narkose wieder eingerenkt (Reposition). Dabei wird der Oberarmkopf zurück in die Gelenkspfanne gebracht. Um weitere Verletzungen zu vermeiden, sollte das Einrenken nur geschultes Personal vornehmen.
  • Ruhigstellung: Nach dem Einrenken muss das Schultergelenk mit einer Bandage mehrere Wochen ruhiggestellt werden, um die Schmerzen zu reduzieren und damit der Kapsel-Bandapparat ausheilen kann.
  • Physiotherapie: Es sollte (üblicherweise nach drei Wochen) mit einer Physiotherapie begonnen werden, um einer möglichen Versteifung des Schultergelenks vorzubeugen.
  • Muskelaufbau: Kräftigung der Roratorenmanschette (das ist eine Muskelgruppe, bestehend aus vier Muskeln im Schulterbereich, durch die die Gelenkspfanne in der Schulter gehalten wird). Durch gezieltes Training soll das Gelenk stabilisiert werden, um weiteren Luxationen vorzubeugen.
  • Koordinationstraining, beispielsweise mit einem Schwingstab.

Sollte eine konservative Therapie keinen Erfolg bringen und sich Luxationen wiederholen, wird zu einer Operation geraten.

 

Dr. Thomas Hartl
Jänner 2022


Bild: ÖGK



Zuletzt aktualisiert am 19. Januar 2022