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Chronische Pankreatitis – Erkennen und behandeln

Chronische Pankreatitis – Erkennen und behandeln

Die häufigste Ursache einer chronischen Entzündung der Bauchspeicheldrüse ist ständiger, hoher Alkoholkonsum und Rauchen. Betroffene mit fortgeschrittener Entzündung haben gürtelförmige Schmerzen im Mittelbauch mit Ausstrahlung bis in den Rücken sowie Probleme, das Körpergewicht zu halten. In vielen Fällen tritt als Spätfolge auch Diabetes auf, wobei es nötig ist, Insulin zu spritzen. Eine Therapie ist aufwendig, chirurgische Eingriffe sind bei einem Viertel der Patienten nötig. 

Die Bauchspeicheldrüse (Pankreas) liegt hinter dem Magen und ist bis zu 18 Zentimeter lang. Das Organ produziert wichtige Hormone und Verdauungsenzyme.

Die chronische Pankreatitis ist eine dauerhafte oder wiederkehrende Entzündung der Bauchspeicheldrüse. Bei dieser Erkrankung geht die Funktion der Drüse durch Vernarbung und Verkalkung des Gewebes, Gewebeschwund oder Zystenbildung langsam verloren. Es kommt schließlich zu einer Fibrose, das heißt, das Bindegewebe in der Drüse vermehrt sich immer weiter. Nach und nach verdrängt dann eine Art Narbengewebe das Drüsengewebe, wodurch sich dessen Leistungsfähigkeit reduziert. Die Drüse ist durchzogen von vielen kleinen Gängen, die vom wuchernden Bindegewebe bedrängt und schließlich verschlossen werden, wodurch die Verdauungssäfte nicht mehr abfließen können und sich in der Drüse stauen. Diese Verengungen sind es, die zu den starken Schmerzen führen. Zudem bilden sich Kalksteine in den Drüsengängen, auch sie können Schmerzen verursachen.

 

Alkohol und andere Ursachen 

Alkohol schädigt die Bauchspeicheldrüse nachhaltig. „Regelmäßiger Alkoholkonsum schädigt diese Drüse noch bevor sich Schäden an der Leber zeigen. Betroffen von chronischer Pankreatitis sind mehrheitlich Männer ab 50 Jahren mit regelmäßigem Alkohol- oder Nikotinkonsum, häufig auch mit beidem“, sagt Univ. Prof. Dr. Rainer Schöfl, Leiter der Abteilung für Gastroenterologie am Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Linz.

 

Neben dieser lebensstilbedingten Form gibt es auch noch andere, seltenere Ursachen:

  • Genetisch bedingt: Die Beschwerden zeigen sich hier schon in der Kindheit. „Wenn etwa ein achtjähriges Mädchen oft über Bauchschmerzen klagt, führt man das oft auf eine vermeintliche Schulangst oder die Essgewohnheiten zurück. In solchen Fällen dauert es oft Jahre, bis man an die Bauchspeicheldrüse denkt und die richtige Diagnose erstellt wird“, sagt Schöfl.
  • Angeborene Fehlbildung der Drüse: Im Leib der Mutter entsteht beim noch Ungeborenen in einem komplizierten Prozess die Bauchspeicheldrüse. Während dieses Prozesses verschmelzen ursprünglich zwei Drüsen zu einer einzigen. Entsteht bei dieser Entwicklung ein Fehler, kann das dazu führen, dass sich der Saft der Drüse im Laufe des Lebens in der Drüse immer wieder staut und dadurch Entzündungen entstehen.
  • Autoimmunprozess: Eine Entzündung kann auch durch einen autoimmunen Prozess entstehen. „Da in diesem Fall auch Patienten betroffen sind, die weder Alkohol trinken noch Tabak rauchen, wird die Entzündung oft nicht als solche diagnostiziert. Besonders problematisch ist es, dass eine autoimmune Entzündung in Ultraschall und CT so aussehen kann, als es sei Krebs. Dann wird operiert und die Drüse entfernt, was aber gar nicht nötig gewesen wäre, weil es in Wirklichkeit nur eine Entzündung war“, erklärt Schöfl.

 

Symptome 

Leichte Formen der Erkrankung bleiben lange Zeit unbemerkt. Bei fortgeschrittener Entzündung zeigen sich folgende, schwerwiegende Symptome:

Schmerzen in der Körpermitte und Gewichtsverlust: Hauptsymptom sind Schmerzen zwischen Rippenbögen und Nabel. Da Schmerzen in diesem Bereich aber viele verschiedene Ursachen haben können (Magen, Wirbelsäule etc.) muss man genau darauf achten, wo und wann sich die Schmerzen bemerkbar machen.

Für eine Pankreatitis als Ursache spricht, wenn der Schmerz

  • rund um den Körper verläuft (gürtelförmig) und nicht nur in eine Seite ausstrahlt. Es schmerzt also auch an der Körperrückseite. Zieht sich der Schmerz nur nach rechts, deutet das auf ein Problem der Galle hin.
  • erst circa. anderthalb Stunden nach dem Essen auftritt und nicht unmittelbar nach der Nahrungsaufnahme.
  • Hand in Hand mit einer ungewollten Gewichtsabnahme einhergeht. Der Gewichtsverlust ist Resultat einer gestörten Fettverdauung im Rahmen der Erkrankung.

Pankreatitis-Schmerzen zeigen sich von Person zu Person in verschiedenen Intervallen. „Bei manchen sind sie ständig, mehr oder weniger, präsent. Bei anderen treten sie für wenige Tage auf und verschwinden dann für Wochen oder Monate; oder sie zeigen sich beispielsweise an ein bis zwei Tagen pro Woche“, so Schöfl.

Weitere Symptome: Neben den Schmerzen und dem Gewichtsverlust treten auch Völlegefühl und Blähungen auf. Zudem ist der Stuhl ungewöhnlich klebrig (vom unverdauten Fett), voluminös, stinkend und weich.

Mögliche Spätfolge Diabetes: Während Diabetes üblicherweise bei älteren und übergewichtigen Menschen auftritt, zeigt sich die Stoffwechselerkrankung in diesem Zusammenhang auch bei Menschen, die nach Gewichtsverlust oft sogar untergewichtig sind. Diabetes zeigt sich erst, wenn rund 90 Prozent der Drüse geschädigt sind (Gewichtsabnahme ab 70 Prozent Schädigung).

Bei chronischer Entzündung der Drüse steigt zudem das Risiko, Bauchspeicheldrüsenkrebs zu entwickeln. Im Schnitt steigt das Risiko um das Dreifache (gegenüber einem Menschen ohne Entzündung), je länger die Entzündung besteht, desto höher das Risiko.

 

Diagnose 

Es kann lange dauern, bis eine chronische Pankreatitis diagnostiziert wird. Bei Schmerzen im Bauchbereich werden (zurecht) in der Regel Magenschmerzen vermutet. Viele Patienten gehen erst bei hohem Leidensdruck zu einer ärztlichen Untersuchung, um eine Diagnose und Therapie zu erhalten.

Diagnostiziert wird mittels Tastbefund, Bluttest, Stuhlprobe und Bildgebung. Im Ultraschall ist eine Entzündung mitunter nicht zu erkennen. Daher wird in der Regel eine Computertomografie (CT) oder eine Magnetspinresonanztomografie (MRT) durchgeführt, um den Gewebsschaden zu erkennen. „Goldstandard ist jedoch der endoskopische Ultraschall, also eine Magenspiegelung mit einem inneren Ultraschall“, sagt Schöfl.

 

Therapie 

Lebensstiländerung: Zunächst muss jeder Betroffene selbst etwas tun, nämlich Alkohol und Nikotin vermeiden und gegebenenfalls die Sucht therapieren lassen (Diese nötige Änderung des Lebensstiles trifft natürlich nicht auf jene zu, deren Erkrankung genetisch bedingt, anlagebedingt oder auf einen Autoimmunprozess zurückzuführen ist. Ein gesunder Lebensstil ist zwar auch hier förderlich, kann aber in Bezug auf die Bauchspeicheldrüse nur wenig bewirken).

Enzymsubstitution und Mischkost: Bei einer Entzündung der Drüse ist die Fettverdauung gestört und es steht zu wenig Verdauungssaft zur Verfügung. Dieser Saft wird mittels Enzymsubstitution (Kapseln) zugeführt. Zudem ist eine ausgewogene Mischkost wichtig, um das Körpergewicht halten zu können und Mangelzustände zu vermeiden.

Vitamin D-Zufuhr: Betroffene haben einen starken Mangel an fettlöslichem Vitamin D. Dies zeigt sich anhand einer erhöhten Gefahr von Knochenbrüchen. Vitamin D muss daher gemäß ärztlicher Empfehlung eingenommen werden.

Schmerztherapie: Leichte Schmerzen werden mit herkömmlichen Schmerzmitteln unterdrückt, starke Schmerzen lassen sich meist nur durch einen endoskopischen Eingriff (Aufdehnen einer Engstelle und Einsetzen eines Stents, siehe unten) beheben.

 

Entzündungen verlangsamen 

Das Fortschreiten von Entzündungen lässt sich mittels Weglassens von Alkohol und Nikotin verlangsamen, denn damit „wird dem Feuer die Energie genommen“. Möglicherweise lässt sich der Krankheitsverlauf auch ganz stoppen, doch dafür gibt es keine Garantie. Vor allem in frühen Stadien dürfte dies möglich sein, wissenschaftliche Studien dazu gibt es jedoch keine.

Das größte Problem sind Engstellen in der Drüse. Sobald sich diese entwickeln, bekommt die Entzündung eine Eigendynamik. Aufgrund der Engstellen beginnt der aggressive Verdauungssaft die Drüse selbst anzugreifen. Der Saft, der dazu gedacht ist, die Bestandteile der Nahrung (Eiweiße etc.) zu zerlegen, verdaut dann sehr langsam die Drüse selbst. „Daher muss man versuchen, die Engstelle im Hauptgang mittels Dehnung und Stent zu entfernen, damit der Saft abfließen kann. Die vielen Engstellen in den Seitengängen lassen sich jedoch nicht beheben, dazu sind sie einfach zu klein“, erklärt Schöfl.

 

Interventionelle und chirurgische Eingriffe 

Stents: Einengungen des Hauptgangs werden bei starken Schmerzen endoskopisch (minimal-invasiver Eingriff) überbrückt. Die Engstelle wird aufgedehnt, Steine werden „zerbröselt“ und entfernt, und es wird ein Stent (kleines Plastikröhrchen) gesetzt. Stents müssen alle drei Monate gegen neue ausgetauscht werden. Nach einem Jahr werden sie entfernt, in der Hoffnung, dass die Drüsengänge nun von alleine offenbleiben. Sollte das nicht der Fall sein, bleibt als Ausweg nur die operative Entfernung der Drüse oder eines Teils davon. „In zwei Drittel der Fälle reicht das Setzen von Stents aus. Der Verdauungssaft kann dann wieder abließen und die Schmerzen verschwinden. In einem Drittel kommt es jedoch zum Wiederauftreten des Problems“, so Schöfl.

Operative Entfernung: Der krankhafte Teil der Drüse, meist deren Kopfteil, wird entfernt. Manchmal muss auch die gesamte Drüse entfernt werden, um die Schmerzen loszuwerden“, sagt Schöfl. Operiert wird auch, wenn es zu Komplikationen kommt, zum Beispiel zu Einengungen des Gallengangs und Zwölffingerdarms und bei Pseudozysten sowie bei Krebsverdacht.

 

Pankreas Nurse 

Damit eine Therapie langfristig erfolgreich sein kann, müssen viele Räder in Bewegung gesetzt werden. Verschiedenste Fachrichtungen müssen zusammenarbeiten: Chirurgie, Endoskopie, Ernährungsberatung, Suchtberatung, psychologische Betreuung, Sozialberatung (Probleme aufgrund Alkoholismus bedürfen einer Lösung). „Betroffene sollten sich in die Obhut spezialisierter Spitäler begeben, die all das abdecken können. Eine multimodale Therapie ist unbedingt nötig. Um diese zu gewährleisten, wird unser Haus nun Pankreas Nurses ausbilden, also Pflegeexperten, die all diese Bereiche vernetzen, die Patienten mit Bauchspeicheldrüsenentzündung benötigen“, sagt Schöfl.

 

Dr. Thomas Hartl
Jänner 2022


Bild: Africa Studio/shutterstock.com




Zuletzt aktualisiert am 21. Januar 2022