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Parkinson früh, individuell und auf mehreren Ebenen behandeln

Parkinson früh, individuell und auf mehreren Ebenen behandeln

Etwas vornübergebeugt schlurft Opa mit kleinen Schritten dahin und seine Miene wirkt wie „eingefroren“ – ist das für einen 72-Jährigen altersgerecht oder könnte eine Parkinson-Erkrankung dahinterstecken? Rund ein bis zwei Prozent der über 65-Jährigen Österreicher:innen leiden an dieser nach Alzheimer häufigsten neurodegenerativen Erkrankung. 

Die gute Nachricht zuerst: Auch wenn Morbus Parkinson (noch) nicht heilbar ist, so ist die Erkrankung heute gut behandelbar. Betroffene können – kaum eingeschränkt – viele Jahre lang ihren Alltag bewältigen. Der Verlauf ist aber sehr individuell. 

Mehr Männer als Frauen 

In Österreich leben rund 20.000 Menschen mit Parkinson, mehr Männer als Frauen. Jeder Zehnte erkrankt vor dem 40. Lebensjahr, der Altersgipfel für die Diagnose liegt ab 65 Jahren. Nicht jeder, der in höherem Alter zittert, hat Parkinson. Ein chronisches Zittern der Hände und auch des Kopfes kann im Rahmen anderer Erkrankungen und in hohem Alter auftreten. Die häufigste Form ist der essentielle Tremor, der ohne bekannte neurologische Grunderkrankung auftritt. „Der Parkinson Tremor beginnt einseitig und besteht zumeist in Ruhe. Bei gezielter Bewegung verschwindet er. Später im Krankheitsverlauf kann sich dieser Parkinson-Ruhe-Tremor auf beide Seiten ausbreiten“, erklärt Neurologe OA Dr. Thomas Mitterling von der Klinik Neurologie 1 im NeuromedCampus der Kepler Universitätsklinik.

Die Kardinalsymptome von Parkinson sind:

  • die Brady- bzw. Hypokinese, eine Verlangsamung der Bewegung beziehungsweise Bewegungsarmut,
  • dazu kommen der Tremor, das Zittern,
  • und der Rigor, die Muskelsteifigkeit.


Diese Symptome betreffen zu Krankheitsbeginn nur eine Körperhälfte und zeigen ein schleichendes Voranschreiten. Ihr Auftreten ist für die Diagnosestellung entscheidend. Wenn die Muskelsteifigkeit etwa beim Gehen eintritt, muss der Betroffene oftmals minutenlang warten bis er sich weiterbewegen kann.

Grund der motorischen Beschwerden ist der vorzeitige Untergang der dompaminproduzierenden Nervenzellen im Bereich der „Schwarzen Substanz“ (Substantia nigra) im Mittelhirn. Die Krux an Morbus Parkinson ist, dass die motorischen Hauptsymptome erst auftreten, wenn etwa 60 Prozent dieser Nervenzellen bereits zerstört sind. Dopamin ist zur Steuerung motorischer Funktionen notwendig. Bei Dopaminmangel im Gehirn kommen Nervensignale entweder nicht, nur unvollständig oder verzögert bei der Muskulatur an, was zu den genannten motorischen Symptomen führt. 

Ursache bis heute ungeklärt 

Bei der Zerstörung der Nervenzellen dürfte eine Anhäufung und Verklumpung des Eiweißes α-Synuclein eine Rolle spielen. Die Gründe dafür liegen noch im Dunkeln. Man glaubt, dass genetische Vorbelastung, Alter und Umweltfaktoren bei der Manifestation von Parkinson zusammenspielen könnten. 

Frühe Warnsymptome 

Schon Jahre bevor Morbus Parkinson diagnostiziert wird, zeigen sich bei Menschen typische, aber unspezifische Beschwerden, die bereits Ausdruck des Nervenzelluntergangs sind. „Leider kann anhand dieser uncharakteristischen Frühzeichen und mit den derzeitigen therapeutischen Möglichkeiten der weitere Untergang von Nervenzellen und somit die Erkrankung nicht verhindert werden“, sagt Mitterling.

  • REM-Schlaf-Verhaltensstörung: Normalerweise kann man sich im Traumschlaf nicht bewegen. Bei dieser Art der Verhaltensstörung werden geträumte Bewegungen aber ausagiert. Vor allem die Nebenschläfer können vom Sprechen, Lachen, Um-Sich-Schlagen des Anderen berichten. Das kann gefährlich für beide Seiten werden.
  • Hyposmie/Anosmie: Der Geruchssinn ist vermindert oder fällt aus.
  • Schmerzen im Bereich von Schulter und Arm.
  • Tätigkeiten des Alltags dauern länger: Es fällt meist Angehörigen auf, dass jemand länger zum Waschen, Ankleiden und Essen braucht.
  • Verstopfung: Kann auch im Verlauf auftreten.
  • Sehstörungen: Wie etwa gestörtes Farbensehen.
  • Veränderung der Handschrift: Sie wirkt verkrampft und wird gegen Ende der Zeile kleiner.
  • Depression: Sie kann ein Frühsymptom, aber auch Begleiterscheinung sein.
  • Müdigkeit, Abgeschlagenheit
  • Unsicheres Gefühl, Zittrigkeit

 

Die Diagnose stützt sich auf das Auftreten der motorischen Kernsymptome, ein ausführliches Arztgespräch und bildgebende Untersuchungen wie etwa eine Magnetresonanztomografie. Im Lauf der Erkrankung können sich Inkontinenz, sexuelle Funktionsstörung, Depression, ein Salbengesicht, das durch die übermäßige Talgproduktion fettig glänzt, Blutdruckregulationsstörung und Beeinträchtigung der Schlafqualität zeigen. Mehr als ein Drittel der Erkrankten entwickeln eine Demenz.

Erste Anzeichen sind eine gestörte Aufmerksamkeit und verlangsamtes Denken. Das unterscheidet diese Art der Demenz von der Alzheimer-Krankheit, die mit Gedächtnisstörungen beginnt.

Langzeitfolgen durch die Krankheit und/oder Medikamente können Überbewegungen, nächtliche Verwirrtheit und Halluzinationen sein. 

Verlauf und Ausprägungen 

Wie langsam oder schnell die Krankheit fortschreitet, ist individuell verschieden. Bei optimaler individueller Behandlung vom frühen Stadium an, kann man den Verlauf und die Folgeerscheinungen – vor allem bei einem Krankheitsbeginn in späterem Alter – lange verzögern und die alltägliche Normalität aufrechterhalten. Die Therapie wird den Symptomen, dem Alter und den Bedürfnissen des Patienten angepasst.

Man unterscheidet verschieden Parkinson-Formen:

  • Idiopathisches Parkinson-Syndrom: Sie ist die häufigste Form und die Ursache ist nicht bekannt. Hierbei unterscheidet man je nach Symptomen den „Akinetisch-rigiden Typ“ bei dem Muskelsteifigkeit und Bewegungslosigkeit dominieren; den „Tremordominanz-Typ“, bei dem Zittern das Hauptsymptom ist; den „Äquivalenz-Typ“, bei dem Zittern, Muskelsteifigkeit und Bewegungslosigkeit eher gleich ausgeprägt sind und den sehr seltenen „Monosymptomatischen Ruhe-Tremor-Typ“, bei dem nur das Zittern in Ruhe vorhanden ist.
  • Symptomatisches Parkinson-Syndrom: Es entsteht durch Medikamente, Vergiftungen mit Quecksilber, Kupfer, Mangan, Blei, Kohlenmonoxid oder Pestiziden, durch Tumoren, Hirnentzündung oder Stoffwechselstörungen. Ist zum Beispiel ein bestimmtes  Neuroleptikum (=Antipsychotikum) der Grund, können beim Wechsel des Mittels die Parkinson-Symptome wieder verschwinden.
  • Atypisches Parkinson-Syndrom: Darunter versteht man Erkrankungen, die einige Symptome mit dem idiopathischen Parkinsonsyndrom teilen, aber schlechter auf die Standardtherapie ansprechen und einen anderen Verlauf nehmen.
  • Erbliches Parkinson-Syndrom: Bei rund fünf bis zehn Prozent der Betroffenen kann ein genetischer Hintergrund für die Erkrankung gefunden werden.

 

Behandlung von mehreren Seiten 

Bei optimaler Behandlung ist die Lebenserwartung heute nicht mehr verkürzt. Die Therapie vereint medikamentöse und nicht-medikamentöse Ansätze.

  • Nichtmedikamentöse Therapie: Neurophysiotherapie, um die Beweglichkeit und Gelenksteifigkeit zu verhindern, Ergotherapie, um die Selbständigkeit im Alltag zu gewährleisten und bei Bedarf auch Logotherapie und Psychotherapie sind fixe Bestandteile der Behandlung. „Die sportliche Betätigung wie Wandern, Schwimmen und auch das Klettern, das in diversen Kliniken therapeutisch durchgeführt wird, sind wertvoll beim Erhalt der motorischen Fertigkeiten. Ein spezielles Bewegungsprogramm‚ die ‚LSVT Big and Loud therapy‘, arbeitet erfolgreich mit ausladenden großen Bewegungen und Stimmtherapie, um der Minimierung des Bewegungsumfanges beziehungsweise dem Leiserwerden des Sprechens, entgegenzuwirken“, erklärt Mitterling.
  • Medikamente: Es stehen zahlreiche Medikamente mit unterschiedlichen Wirkmechanismen zur Wahl, die auch miteinander kombiniert werden können. Der Standard in der Behandlung ist L-Dopa, je nach Erkrankungsschwere, Patientenalter und Begleiterkrankungen kommen aber auch MAO (Monoaminooxidase)-B-Hemmer oder Dopaminagonisten zum Einsatz. Das Ziel ist der Ersatz des körpereigenen Dopamins.
  • „Der Nachteil von L-Dopa ist, dass es nach rund fünf Jahren Therapie zu Wirkungsschwankungen kommen kann und Patienten in dieser Phase zwischen guter und schlechter Beweglichkeit und sogar Überbeweglichkeit schwanken. Dann müssen der Einnahmemodus, die Dosis oder/und die Medikation verändert werden. Ziel ist, Dopamin in möglichst gleichmäßiger und optimaler Konzentration zu den Hirnzellen zu bringen“, erklärt der Neurologe.
  • Invasive Methoden: Sie werden bei einer Wirkungsfluktuation (Wirkungsschwankungen) zur kontinuierlichen Abgabe des Wirkstoffes herangezogen. Dazu gehört die Therapie mit einer Pumpe, die etwa über eine Sonde durch die Bauchhaut das Dopamin direkt in den Dünndarm verabreicht. Auch die tiefe Hirnstammstimulation (Hirnschrittmacher) kann bei Auftreten von Wirkschwankungen für ein bestimmtes Patientenklientel bis etwa 70 Jahren zur jahrelangen Verbesserung der Symptome führen. In einer Operation werden dabei Elektroden ins Gehirn eingesetzt, die man über einen Elektrostimulator, den man im Bereich des Schlüsselbeins implantiert, steuert, um zum Beispiel das Zittern und unkontrollierbare Bewegungen jahrelang zu mildern. Das Fortschreiten der Krankheit kann aber auch der Hirnschrittmacher nicht unterbinden.

 

Die Parkinson-Forschung ist intensiv. „Neben der Erprobung neuer Substanzen oder Darreichungsformen von Medikamenten zur symptomatischen Therapie der Erkrankung werden vor allem Substanzen untersucht, die den Krankheitsprozess beeinflussen und eventuell stoppen könnten. Speziell das bessere Verständnis der molekularen und genetischen Basis der Erkrankung eröffnet hier neue Möglichkeiten“, sagt Mitterling.

Mediterrane Kost, regelmäßige Bewegung, sportliche Aktivität und ausreichend Schlaf sind Lebensstilmaßnahmen, die in der Vorbeugung sowie im Krankheitsverlauf helfen, so lange und so gut wie möglich fit zu bleiben.

 

Mag. Christine Radmayr
Februar 2022


Bild: Robert Kneschke/shutterstock.com

Zuletzt aktualisiert am 14. Februar 2022