Der Fehlzeitenreport wird jährlich vom Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO) im Auftrag des Dachverbandes der Sozialversicherungsträger (DVSV), der Arbeiterkammer (AK) und der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) erstellt. Er analysiert die Entwicklung und Struktur der Krankenstände der unselbständig Beschäftigten in Österreich. Im diesjährigen Fehlzeitenreport 2026 wird neben den Standardauswertungen die Bedeutung von Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems und des Bindegewebes für das Krankenstandgeschehen beleuchtet.
Krankenstände im Vergleich zu den Vorjahren sinkend
Im Jahr 2025 verbrachten unselbständig Beschäftigte durchschnittlich 14,7 Kalendertage im Krankenstand. Das ist ein um 2,7 Prozent niedrigerer Wert als im Jahr 2024 – damals kamen auf eine unselbständig beschäftigte Person durchschnittlich 15,1 Kalendertage Krankenstand. Die Krankenstandsquote, die die Relation der Krankenstandstage zum gesamten Arbeitsvolumen wiedergibt, bewegt sich mit 4 Prozent ungefähr am Niveau von 2024, Tendenz leicht sinkend (2024: 4,1 Prozent).
Auch der Anteil der Versicherten, der 2025 mindestens einmal im Krankenstand war, ging gegenüber dem Vergleichsjahr 2024 um einen Prozentpunkt nach unten.
Anteil kurzer Krankenstände gestiegen, sie machen jedoch nur 10 Prozent der Fehltage aus
Ein erheblicher Teil der erfassten Krankenstandsfälle entfällt auf Kurzkrankenstände, gemessen an den gesamten Krankenstandstagen ist ihr Anteil jedoch vergleichsweise gering. Auch ohne vollständige Erfassung dauerten 44,7 Prozent aller erfassten Krankenstände weniger als vier Tage. Gemessen an der Summe der Krankenstandstage betrug der Anteil jedoch nur 10 Prozent. Im Vergleich zum Vorjahr ist das ein leichter Anstieg. 2024 konnten 43,2 Prozent der Fälle als Kurzkrankenstände deklariert werden, die dabei 9,5 Prozent aller Fehltage ausmachten.
In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Kurzkrankenstände wie auch die Krankenstände insgesamt pro versicherte Person gestiegen. Im Jahr 2008 dauerten 30,5 Prozent aller Krankenstandsfälle weniger als drei Tage, 2019 waren es 41,7 Prozent und zuletzt 44,7 Prozent.
Kosten der Krankenstände
Fehlzeiten durch Krankenstände sind nicht nur aus persönlicher Sicht herausfordernd, sie haben auch volkswirtschaftliche Folgen.
Die direkten Kosten krankheitsbedingter Ausfälle, bestehend aus der Entgeltfortzahlung der Betriebe (4,8 Mrd. Ꞓ) sowie dem Krankengeld der Krankenversicherung (1,2 Mrd. Ꞓ), beliefen sich laut den letztverfügbaren Daten aus dem Jahr 2024 auf 1,3 Prozent des BIP. Zu den Behandlungskosten kommen weiters Wertschöpfungsverluste, die unter vereinfachten Annahmen bis zu 8,8 Mrd. Euro bzw. 1,9 Prozent des BIP erreichen können (Berechnungen für das Jahr 2024).
Frauen weisen durchschnittlich mehr Krankenstandstage auf
2025 zeigen sich zudem geschlechterspezifische Unterschiede bei den Fehlzeiten. Frauen verbrachten mit durchschnittlich 15,5 Fehltagen um 9,9 Prozent mehr Tage im Krankenstand als Männer (14,1 Tage). Bei Frauen wie Männern nehmen die Dauer als auch die Häufigkeit der Krankenstände ab dem 50. Lebensjahr zu und erreichen bei Beschäftigten zwischen 60 und 64 Jahren ihren Höchstwert. Die Krankenstandsstatistik hat hinsichtlich der Altersverteilung der Versicherten insgesamt eine U-förmige Kurve: Jugendliche unter 20 Jahren sind vergleichsweise häufig krankgemeldet. Die Alterskohorte zwischen 25 und 49 Jahren weist die niedrigsten Werte auf, ab 50 Jahren steigt die Quote wieder an.
„Krankenstände sind im Vergleich zum Vorjahr insgesamt leicht zurückgegangen, gleichzeitig sind sie geschlechterspezifisch nicht gleichmäßig verteilt. Frauen weisen durchschnittlich um rund 10 Prozent mehr Krankenstandtage als Männer auf. Auch psychische Erkrankungen steigen in der längerfristigen Betrachtung stetig. Hier müssen wir genau hinsehen und anerkennen, dass hinter jedem Krankenstand auch eine persönliche Leidensgeschichte steht. Als Sozialversicherung setzen wir uns dafür ein, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nicht nur im Krankheitsfall abgesichert sind, sondern auch dafür, dass berufsbedingte Krankheiten gar nicht erst entstehen und Beschäftigte in einem gesundheitsförderlichen Umfeld arbeiten können: durch Prävention, betriebliche Gesundheitsförderung und berufliche Wiedereingliederung. Angesichts sich wandelnder Arbeitswelten wäre auch die entsprechend sozialrechtliche Anerkennung psychischer Erkrankungen ein wichtiger Schritt", so Claudia Neumayer-Stickler, Vorsitzende der Konferenz der Sozialversicherungsträger.
Wenige Krankheitsgruppen prägen das Krankheitsgeschehen signifikant
Zwei Krankheitsgruppen prägen das Krankheitsgeschehen: Krankheiten des Atmungssystems verursachen 43,3 Prozent aller Krankenstandsfälle und 24,3 Prozent aller Krankenstandstage, bei den Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems und des Bindegewebes sind es 11,3 Prozent aller Fälle und 19,1 Prozent aller Krankenstandstage. Zusammen sind beide Krankheitsgruppen für mehr als die Hälfte, konkret 54,6 Prozent der Krankenstandsfälle verantwortlich. Psychische Erkrankungen spielen ebenfalls eine Rolle: zwar sind sie nur für 2,9 Prozent aller Krankenstandsfälle verantwortlich, machen aufgrund der Dauer der Krankenstände rund 11,8 Prozent aller Krankenstandstage auf, nach einer Phase der Stagnation bis 2018 ist hier wieder ein steigender Trend erkennbar.
Muskel-Skelett-Erkrankungen: Weniger Fälle, aber überdurchschnittlich lange Ausfallzeiten
Im Fokus des diesjährigen Sondermoduls des Fehlzeitenreports stehen Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems und des Bindegewebes (sogenannte MSB-Erkrankungen) – seit Jahren eine der bedeutendsten Ursachen für Krankenstände in Österreich. 2025 waren 445.618 unselbständig Beschäftigte von zumindest einem MSB-bedingten Krankenstand betroffen, was rund einem Fünftel aller erkrankten Beschäftigten entspricht.
Im Mittel entfallen auf eine MSB-betroffene Person 33,4 Krankenstandstage im Jahr, gegenüber 19,3 Tagen in der Vergleichsgruppe, die ebenfalls mindestens einen Krankenstand, jedoch aus einem anderen Grund verzeichnet haben. Mehr als die Hälfte aller Erkrankten verbringen 8 Tage im Krankenstand, wogegen dieser Wert bei Betroffenen von Muskel-Skelett-Erkrankungen bei 21 Tagen liegt. Die Gesamtbelastung von Personen mit MSB-Erkrankungen, also alle ihre Krankenstände, unabhängig von der Diagnose, übersteigt jene der Vergleichsgruppe deutlich.
Männer sind mit einem Anteil von 58,3 Prozent in der Gruppe von MSB-Betroffenen überrepräsentiert. In der Vergleichsgruppe aller anderen Krankenstandsfälle ist die Geschlechterverteilung mit 51,9 zu 48,1 Prozent deutlich ausgeglichener. Bemerkenswert: Obwohl Frauen seltener von MSB-Erkrankungen betroffen sind, weisen sie im Schnitt – wenn betroffen - mehr Krankenstandstage als Männer auf (35,7 gegenüber 31,8 Tage).
Bei der Verteilung der Krankenstände nach Alter in der Gruppe der Muskel-Skelett-Erkrankungen zeigt sich, dass 47 Prozent der Krankenstandstage aufgrund von Arthropathien auf 55- bis 64-jährige Personen und 28 Prozent auf 45- bis 54-Jährige entfallen.
Rücken und Wirbelsäule dominieren das Bild
Innerhalb der MSB-Diagnosen dominieren Erkrankungen des Rückens und der Wirbelsäule: Allein Kreuz- und Lendenschmerz ist für 47,3 Prozent aller MSB-Fälle und 37,2 Prozent der Krankenstandstage verantwortlich. Zusammen mit der Kategorie der „sonstigen Wirbelsäulenerkrankungen“ gehen rund drei von fünf MSB-Krankenstandsfällen auf diesen Bereich zurück. Bemerkenswert ist dabei, dass Rückenerkrankungen branchenübergreifend auftreten – sie betreffen körperlich Tätige ebenso wie Beschäftigte in sitzenden Berufen.
Degenerative Diagnosen treten seltener auf, fallen bei den Krankenstandstagen aber überproportional ins Gewicht: Kniegelenksverschleiß etwa macht nur 2,0 Prozent der Fälle aus, verursacht aber 4,8 Prozent der Tage – bei einer mittleren Krankenstandsdauer von 38 Tagen. Ähnlich verhält es sich bei Bandscheibenschäden, Meniskusverletzungen und dem Impingement-Syndrom der Schulter, die allesamt für wenig Fälle, allerdings hohe Zahl an Fehltagen verantwortlich sind.
„Überraschend waren für uns die Befunde zur Versorgung: Therapeutische Angebote wie Physiotherapie oder physikalische Medizin erreichen nur einen kleinen Teil der Betroffenen; die zentrale Rolle im Versorgungsgeschehen kommt hingegen der Allgemeinmedizin zu“, konstatiert Christine Mayrhuber, eine der WIFO-Studienautorinnen. Angesichts der hohen Kosten durch und der gleichzeitig geringen Inanspruchnahme spezialisierter Gesundheitsleistungen sieht das WIFO hier Handlungsbedarf.
„Die direkten Krankenstandskosten, ohne Wertschöpfungsverlusten beliefen sich im Jahr 2024 auf 6,2 Mrd Euro. Muskel- und Skeletterkrankungen zählten zu den bedeutendsten Krankenstandsursachen und verursachen die größten Gesundheitsprobleme in der Arbeitswelt“, so Wolfgang Panhölzl, Abteilungsleiter Sozialversicherung der Arbeiterkammer Wien. „Aus Sicht der AK ist alarmierend, dass therapeutische Angebote nur einen kleinen Teil der Betroffenen erreichen. Das Fehlen an standardisierten Behandlungspfaden wird deutlich, obwohl frühzeitige, interdisziplinäre und arbeitsplatzbezogene Maßnahmen die besten Erfolgsaussichten bieten. Auch internationale Beispiele zeigen, dass strukturierte Versorgungsprogramme wirksam sind. Deutschland setzt auf Disease-Management, Schweden auf koordinierte Versorgungspfade mit Erfolgskontrolle. Die AK fordert entsprechende Programme für Österreich, mit raschem Zugang zu Rehabilitation, sowie besserer Abstimmung zwischen Gesundheitsberufen und der Sozialversicherung. Wir sehen darin auch ein erhebliches Potential für bessere Arbeitsbedingungen und eine nachhaltige Finanzierung des Gesundheitssystems.“
„Das Niveau der Krankenstände ist immer noch weit höher als in den 20 Jahren vor Covid, den Großteil der Kosten tragen die Unternehmen. Daher haben sie auch ein Eigeninteresse, dass die Krankenstände zurückgehen. Muskel- und Skeletterkrankungen sind langfristig zurückgegangen, das liegt auch an Verbesserungen in der Arbeitswelt: Unternehmen haben manuelles Heben durch technische Hilfsmittel ersetzt, Gebindegrößen reduziert und Arbeitsplätze ergonomisch gestaltet. Dennoch ist vor allem in der Prävention und Rehabilitation noch viel zu tun, um auch die Krankenstandstage insgesamt wieder zu senken“, betont Rolf Gleißner, Leiter der Abteilung Sozial- und Gesundheitspolitik der Wirtschaftskammer Österreich.
Fehlzeiten-Dashboard unterstützt gezielte Steuerung
Das interaktive Fehlzeiten-Dashboard der Sozialversicherung liefert datenbasierte Einblicke in das österreichische Krankenstandsgeschehen – nach Alter, Branche, Diagnose und Region differenziert. Es steht seit 2020 online zur Verfügung und wird jährlich aktualisiert.
Zugang zum Dashboard: https://dashboards.sozialversicherung.at/fehlzeiten
Zugang zum gesamten Fehlzeitenreport: www.sozialversicherung.at/fehlzeitenreport