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Ergotherapie für ein selbstständigeres Leben

Mann bei Übungen einer ErgotherapieErgotherapie hat die Aufgabe, Patienten in ihrer Handlungsfähigkeit zu fördern. Sei es nach einem Unfall, einer Erkrankung oder auch in der Entwicklung von Kindern: Das Einsatzgebiet von Ergotherapeuten ist weit gestreut.


Ergotherapie geht davon aus, dass gezielt eingesetzte Tätigkeit eine therapeutische Wirkung hat. Ergo bedeutet „Tätig sein“, und das ist ein zentrales Merkmal dieser Therapieform, die die Handlungsfähigkeit des jeweiligen Patienten verbessern soll. Darunter fallen alle Fähigkeiten, die zur Bewältigung sämtlicher Lebensbereiche notwendig sind: den Alltag zuhause, Schule, Arbeit und den sozialen Umgang mit den Mitmenschen.Das Augenmerk der Therapie liegt auf den aktuellen Bedürfnissen des jeweiligen Menschen, damit er wieder seine Tatkraft erlangt und seine alltäglichen Bedürfnisse erledigen kann. „Die Therapie orientiert sich immer an den individuellen Möglichkeiten und Zielen der Klienten“, erklärt Manuela Grünzweil, Ergotherapeutin in Linz.


Behandelt werden physische, psychische und auch soziale Beeinträchtigungen, die aufgrund von Erkrankungen, Unfällen oder Entwicklungsstörungen aufgetreten sind. Anders als in der Physiotherapie wird nicht nur an der körperlichen Leistungsfähigkeit gearbeitet sondern auch an kognitiven Problemen (zum Beispiel Gedächtnis- und Aufmerksamkeitstraining). 


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Aufgaben 

Patienten aller Altersstufen, vom Säugling bis zum alten Menschen, werden mit Ergotherapie behandelt.Die wesentlichen Aufgaben der Ergotherapie sind·

  • Menschen bei der Erhaltung, Verbesserung oder Wiedererlangung ihrer individuellen Handlungsfähigkeit zu unterstützen·
  • (Wieder-)Eingliederung in das soziale Umfeld (Haushalt, Schule, Beruf, Freizeit)·
  • Erhaltung oder Verbesserung der persönlichen Ressourcen·
  • Wiedererlangen verlorener Fähigkeiten·
  • Vorbeugung von Gesundheitsschäden durch Beratung (Prävention, z.B. im Rahmen der Arbeitsmedizin)·
  • Entwicklung von Kompensationsmöglichkeiten bei körperlichen oder geistigen Defiziten·
  • Adaptierung der Umwelt (z.B. die Wohnung des Patienten so einrichten, damit der Alltag möglichst selbstständig bewältigt werden kann.) 


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Vielfältige Tätigkeitsbereiche 

Wachsende Bedeutung bekommt die Therapie in der Altersheilkunde (Geriatrie) und der Rehabilitation. Gedächtnistraining ist dabei ebenso wichtig wie die Vermittlung sozialer Fähigkeiten und Anpassung des Lebensstils an die neue Lebenssituation.Ergotherapie ist in allen medizinischen Fachbereichen vertreten. Aufgrund der vielen Anwendungsgebiete dieser Therapieform findet man Ergotherapeuten (die Mehrzahl ist weiblich) in Krankenhäusern, Rehabilitationskliniken und Therapiezentren, in pädiatrischen Einrichtungen (Kinderheilkunde), Schulen und Kindergärten ebenso wie in Pflegeheimen und Geriatriezentren. Weiters in Werkstätten für Behinderte und in Einzel- und Gemeinschaftspraxen. 

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Ablauf der Therapie 

Für eine Ergotherapie ist die Überweisung eines Allgemeinmediziners oder eines Facharztes nötig. Ergotherapeuten unterteilen sich in Vertragstherapeuten der Krankenkassen oder in Wahltherapeuten (hier hat der Patient einen Selbstbehalt zu leisten).

Zu Beginn der Ergotherapie macht sich der Therapeut ein genaues Bild vom Leistungsvermögen und den konkreten Bedürfnissen und Wünschen des Patienten. Dazu werden auch die Tätigkeiten des Patienten im Alltag analysiert. Danach beginnt die eigentliche Behandlung, in der die notwendigen Funktionen und Handlungsabläufe erlernt und trainiert werden, um den Patienten handlungsfähiger zu machen. „Je nach Bedarf werden Hilfsmittel zur Verfügung gestellt, die den Alltag erleichtern. Der Behandlungsplan und die Behandlungsmethoden werden bei Bedarf auch geändert und angepasst, auch Therapiepausen sind bei langen Therapien üblich“, erklärt Grünzweil. 


Zur Veranschaulichung werden im Folgenden zwei typische Einsatzgebiete der Ergotherapie gezeigt:


Therapie nach einem Schlaganfall:

Ein Schwerpunkt wird die Arbeit an Hand- und Armfunktionen sein. Manuela Grünzweil: „Treten zum Beispiel bei einem Rechtshänder auf der rechten Körperseite Lähmungen auf, gestaltet sich der Alltag sehr schwierig. Viele Tätigkeiten können dann plötzlich nicht mehr selbstständig durchgeführt werden. Der Patient verliert nach einem Schlaganfall seine Geschicklichkeit in der Feinmotorik und Greiffunktion - er kann kaum noch etwas selbst tun und muss viele alltägliche Dinge neu erlernen. Ganz wichtig für uns Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten ist es, die Ziele der Therapie gemeinsam mit dem Patienten und eventuell mit dessen Umfeld genau abzuklären. Sie richten sich nach den Wünschen und Bedürfnissen des Betroffenen. Will er sich zum Beispiel wieder alleine ankleiden und waschen können oder am Computer arbeiten? Priorität hat, was dieser Mensch konkret erreichen will, was ihm wichtig ist.“

Therapiert wird die Wiedererlangung der Greiffunktion der Hand. Geübt werden die Bewegungsfunktionen im Rahmen der Tätigkeit, die man wieder erlangen möchte (z.B. an der Tastatur oder der Computermouse). Je nach Schweregrad werden auch Lähmungen und Spastiken behandelt und die Fähigkeiten der Kommunikation wiedererlernt. „Wichtig ist es auch, in die Wohnung des Betroffenen zu gehen, sich ein Bild zu machen und ihm dabei zu helfen, den Alltag auch mit seiner Beeinträchtigung meistern zu können. Dabei kann es nötig sein, die Wohnung zu adaptieren oder Hilfsmittel wie zum Beispiel eine Greifzange einzusetzen. Oft helfen auch ganz einfache Dinge, wie etwa in der Küche die häufig gebrauchten Dinge an gut erreichbare Stellen zu platzieren. Immer sind die Bedürfnisse der jeweiligen Person ausschlaggebend“, erklärt die Ergotherapeutin.


Therapie bei Schulkindern:

Ein häufiges Problem von Schulkindern ist es, dass es mit dem Schreiben nicht klappen will. Eine ergotherapeutische Abklärung dient dazu, den ursächlichen Grund dafür herauszufinden. Der Ergotherapeut erhebt einen Befund anhand von standardisierten Testverfahren und strukturierten Beobachtungen. Ein Elterngespräch und eventuell ein zusätzlicher Kontakt mit dem Umfeld des Kindes (z.B. Kindergarten oder Schule) rundet die Abklärung ab. Ergebnisse aus dieser Abklärung können zum Beispiel sein, dass die Augen-Hand-Koordination oder die Kraftdosierung nicht altersentsprechend sind. Es kann genauso ein Problem mit der räumlichen Wahrnehmung zugrunde liegen, manchmal liegt ein neurologisches Problem vor, manchmal ist auch nur die Stifthaltung falsch. Nach Klärung der Ursache, soll die Therapie die Feinmotorik verbessern, um Schreiben und Malen zu erlernen. Liegt ein simples motorisches Problem vor, dauert die Therapie fünf bis zehn Einheiten. Steht ein größeres neurologisches Problem dahinter, wird die Beeinträchtigung im Grunde das ganze Leben bestehen. Die Therapie zielt dann darauf ab, die Auswirkungen im Alltag kompensieren zu lernen. 

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Therapiedauer 

Wie lange eine Therapie dauert, lässt sich nicht generell festhalten. Die Dauer richtet sich nach den Erfordernissen des Einzelfalles. Nach einer Therapie sollten die erlernten Verhaltensabläufe auch im Alltag eingesetzt und weiter trainiert werden, um die angestrebte Selbstständigkeit zu erhalten und wenn möglich zu erweitern. 


Dr. Thomas Hartl

Oktober 2014 


Foto: shutterstock

Zuletzt aktualisiert am 12. März 2015