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Soziale Mobilität zwischen den Generationen - Eine "Condition sine qua non" zur Erreichung von Chancengleichheit


ao Univ.-Prof. Dr. Wilfried AltzingerDer Autor:
ao Univ.-Prof. Dr. Wilfried Altzinger

ist Ökonom und stellvertretender Leiter des Instituts für Makroökonomie an der Wirtschaftsuniversität Wien u.a. mit dem Forschungsschwerpunkt Verteilungsfragen.


KURZFASSUNG

Erwerb und Übertragung von Bildungsvermögen sind – neben Erwerb und Übertragung von Sach- und Finanzvermögen – die entscheidenden Größen, die die individuellen Entwicklungschancen bestimmen. Unter Bildungsvermögen im weiteren Sinne wird dabei sowohl formale Bildung im Sinne von besuchten Schuljahren, absolvierten Lehrgängen, Studienabschlüssen, etc. als auch das soziale und kulturelle Bildungsvermögen (Sozialkapital) verstanden. Da Bildungsvermögen und Einkommen in der Regel stark positiv korreliert sind, ist Bildungsvermögen ein zentraler Baustein für die weitere Einkommens- und Erwerbsperspektive von Individuen. Sowohl bei materiellem Vermögen als auch bei Bildungsvermögen ist es aus demokratiepolitischer Hinsicht essentiell, wie diese entstehen. Für die Beurteilung von Chancengleichheit, ein zentrales Prinzip jeder demokratischen Gesellschaft, ist es daher wichtig zu untersuchen, wie sehr die Entstehung dieser unterschiedlichen Vermögensformen von der individuellen Herkunft abhängt.

Obwohl die Frage der Entstehung und Übertragung von materiellem Vermögen demokratiepolitisch von prioritärer Bedeutung ist, befasst sich der Autor in diesem Beitrag ‚nur‘ mit dem Erwerb und der Übertragung von Bildungsvermögen. Dies v.a. deswegen, da die öffentliche Bildungspolitik in hohem Ausmaß zur besseren Chancengleichheit von sozial minder privilegierten Kindern und Jugendlichen beitragen kann.

Der empirische Befund für Österreich zeigt, dass die Bildung der Kinder im internationalen Vergleich überdurchschnittlich stark von jener der Eltern abhängig ist. Befragt wurden dabei im Jahre 2010 Personen im Alter zwischen 25 und 59 Jahren hinsichtlich ihrer höchsten abgeschlossenen Bildung sowie jener der Eltern. Zusätzlich wurden die Personen auch über die finanzielle Lebenssituation ihres Elternhauses im Alter von 14 Jahren befragt.

Die Ergebnisse zeigen, dass Kinder aus einem bildungsfernen Elternhaus (max. Pflichtschule) nur in sechs Prozent der Fälle einen akademischen Abschluss erreichen, während Kinder, deren Eltern einen akademischen Abschuss aufweisen, zu 54 Prozent auch selbst einen akademischen Abschluss erreichen. Die Differenzen hinsichtlich der Bildungsabschlüsse der Eltern sind somit sehr groß.

Beachtet werden muss hier, dass die Befragung im Jahre 2011 durchgeführt wurde und die Befragten selbst im Alter zwischen 25 und 59 Jahren gewesen sind. Deren Eltern sind somit ca. 45 bis 85 Jahre alt. Entsprechend ist auch der durchschnittliche Bildungsgrad der Eltern noch relativ gering. Nur acht Prozent der Eltern besitzen einen tertiären Bildungsabschluss und neun Prozent einen Abschluss mit Matura. Die verbleibenden 83 Prozent der Eltern haben maximal einen Lehrlings- oder Pflichtschulabschluss.

Zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten unterstreichen die Bedeutung der frühkindlichen Phase für den weiteren Bildungs- und Einkommenserwerb, da der Bildungserwerb nicht erst mit dem Schulbesuch beginnt, sondern bereits mit dem ersten Tag im Leben eines Neugeborenen. Daher wird in allen Studien auch die große Bedeutung vorschulischer bzw. frühkindlicher Erziehung unterstrichen. In diesem Lebensabschnitt können Nachteile von sozio-ökonomisch benachteiligten Familien effektiver kompensiert werden als in späteren Lebensjahren nach dem Schuleintritt. Dabei zeigen v.a. nordische Länder besonders positive Ergebnisse.


Wie unterscheidet sich nun der weitere Bildungs- und Erwerbsverlauf von Kindern mit bzw. ohne Kindergarten bzw. Vorschule? Ein erster Faktor, der den späteren Bildungserfolg beeinflussen kann, ist die Schulwahl zu Beginn der Unterstufe. Die Entscheidung, ob eine AHS oder Hauptschule besucht wird, hat vielfach Auswirkungen auf den weiteren Bildungsverlauf. Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen, dass der Wahrscheinlichkeit, eine AHS zu besuchen, bei Kindern mit Vorschulbesuch mehr als doppelt so hoch ist gegenüber Kindern ohne Vorschulbesuch. Es wird auch gezeigt, dass Personen mit Vorschulbesuch ein höheres Einkommen erzielen. Eine Ausdifferenzierung hinsichtlich des Bildungserwerbs beginnt bereits sehr früh und in Folge findet eine weitere dynamische Ausdifferenzierung über das Schulsystem statt, die letztlich auch entsprechende Konsequenzen auf den Erwerbs- und Einkommensverlauf hat.


Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass sich die Bildungsmobilität nach Ländern beträchtlich unterscheidet und dass dafür im Wesentlichen das vorschulische Bildungs- und Erziehungssystem sowie der Bildungsweg über das Schulsystem ausschlaggebend sind.


In dem Beitrag wird gezeigt, dass die Persistenz von Bildungsvermögen zwischen den Generationen dem Prinzip der Chancengleichheit stark widerspricht. Somit bestehen je nach Herkunft individuell stark unterschiedliche Lebensperspektiven hinsichtlich Einkommens- und Erwerbsverläufen. Dabei ist zu beobachten, dass materielles und Bildungsvermögen dynamische, selbstverstärkende Effekte besitzen: Materielles Vermögen (in der Form von Sachvermögen, Unternehmen, Grund und Boden, Geld und Aktien, etc.) erleichtert sowohl den Erwerb von Bildungsvermögen als auch den Zugang zu sozialen Netzwerken, die für den weiteren Berufs- und Einkommensverlauf von großer Bedeutung sind. In wohlhabenden Haushalten erfolgt die Übertragung von Bildungs- und Sozialvermögen jedoch nicht nur innerhalb der Familie. Durch Besuch qualitativ hochwertiger Kinderbetreuungseinrichtungen, gefolgt von entsprechender Schulausbildung bis hin zur Universitätsausbildung wird hier – je nach finanziellen Gegebenheiten der Eltern – in das Bildungsvermögen der Kinder investiert. Umgekehrt gilt für Kinder benachteiligter Haushalte: Geringe Qualifikationsmöglichkeiten innerhalb der Familie werden für diese Kinder noch verstärkt durch beschränkte finanzielle Kapazitäten, die für den Erwerb von Bildung notwendig wären. Allerdings kann hier die öffentliche Hand beim Erwerb und Aufbau von Bildungsvermögen in vielfältiger Art und Weise korrigierend eingreifen. Dabei soll insbesondere auf die Politik in den nordischen Ländern verwiesen werden. Sowohl hinsichtlich der Einkommens- als auch hinsichtlich der Bildungsmobilität nehmen Dänemark, Schweden, Finnland und Norwegen eine positive Vorreiterrolle ein. Besonders aufgrund der qualitativ hochwertigen Vorschulsysteme werden in den nordischen Ländern die Weichen für eine hohe Bildungsmobilität gelegt.


Zuletzt aktualisiert am 14. November 2020