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Falsche Medikamente per Mausklick

Falsche Medikamente per Mausklick_61029236_151x131 Das Fälschen von Arzneimitteln hat sich zu einem lukrativen und globalen Markt entwickelt. Der Umsatz beträgt laut Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) weltweit rund 30 Milliarden Euro pro Jahr. Gefälschte Medikamente machen bereits zehn Prozent des Pharmamarktes aus, schätzt die Weltgesundheitsorganisation (WHO).

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Internethandel ohne Kontrolle

Die Fälschungen kommen ausschließlich über das Internet und den Versandhandel nach Österreich. Während der legale Vertrieb via Apotheken streng kontrolliert wird, entzieht sich der Internethandel jeglicher Kontrolle. „Das macht die Sache für den Konsumenten auch so gefährlich. Niemand außer den Herstellern weiß, was in den Pillen wirklich enthalten ist. Man fand schon Präparate aus Ton, die gefärbt und mit Wachs versiegelt wurden“, sagt Alexander Hönel, Leiter des zuständigen Instituts Inspektionen, Medizinprodukte und Hämovigilanz der AGES PharmMed.

Die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit warnt ebenso wie in- und ausländische Apothekerverbände vor dem Erwerb und Konsum von Medikamenten aus dem Internet. „Die Risiken für die Gesundheit sind nicht kalkulierbar. Manchmal enthalten die Präparate keinerlei Wirkstoffe, manchmal aber auch sehr gefährliche Substanzen. Die Wirkungen und Nebenwirkungen kann niemand voraussagen“, so Hönel.

Das Problem ist vielseitig: Verunreinigungen, unter- beziehungsweise überdosierte Wirkstoffe können fatale Aus- und Nebenwirkungen haben. Erschöpft sich ein Präparat mangels Wirkstoffen im Placeboeffekt, wird die Erkrankung letztlich ohne medikamentöse Behandlung bleiben.

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Verbot in Österreich

Während etwa in Holland der Internethandel mit Medikamenten erlaubt ist (und dort auch der Kontrolle unterliegt), ist in Österreich der Internethandel mit Medikamenten gesetzlich verboten. Der Handel via Internet wird demnach ausschließlich aus dem Ausland abgewickelt. Möchte ein Konsument aus Österreich im Internet ein Präparat kaufen, müsste er eine Arzneimitteleinfuhrbewilligung beantragen. Das Risiko einer Bestellung liegt beim Konsumenten. Bei Medikamenten, die in Österreich nicht zugelassen sind, wäre für eine Einfuhr sogar eine begründete Verschreibung eines Arztes notwendig.

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Nur echte Apotheken sind sicher

Mangels Überprüfbarkeit hält der Leiter der Medizinmarktüberwachung europäische Versandapotheken aus Konsumentensicht nicht für sicher. „Man weiß nie, aus welchem Teil der Welt die Präparate wirklich stammen. Selbst Gütesiegel auf Internetseiten können gefälscht sein.“ Konsumenten haben auch keine Möglichkeit zu erkennen, ob die Ware aus dem Internet gefälscht ist oder nicht. „Selbst der Fachmann kann das nur durch Analysen feststellen“, sagt Hönel.

Misstrauisch sollten Patienten auch dann werden, wenn ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel ohne Rezept geliefert wird. Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände dazu: „Neun von zehn Internethändlern ignorieren die Rezeptpflicht. Der Versand verschreibungspflichtiger Medikamente ohne Vorlage eines Rezepts ist bei Internethändlern gängige Praxis.“

Selbst wenn das Medikament nicht gefälscht ist, bleiben Risken: Etwa ob Lagerung und Transport der Medikamente sachgerecht erfolgte. Bei licht- oder wärmeempfindlichen Arzneimitteln kann das deren Wirksamkeit beeinflussen. Manche Anbieter verschicken ihre Produkte auch unzureichend verpackt, oder es fehlen Beschriftung, Ablaufdatum und Gebrauchsinformation oder diese Infos sind nicht in deutscher Sprache vorhanden. „Es kann auch passieren, dass man zuerst zahlt und dann kommt gar keine Lieferung“, sagt Hönel.

Verbraucher können sich verlässlich nur schützen, indem sie ausschließlich in der Apotheke vor Ort einkaufen. „Im legalen Handel wurde bisher noch keine einzige Fälschung gefunden“, sagt Hönel.

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Fälschung hat System

Gefälschte Medikamente sind nicht die Ausnahme sondern die Regel. Auf dem illegalen Markt sind bis zu 90 Prozent der Medikamente gefälscht. „Unsere Proben ergaben bei Viagra sogar einmal eine Fälschungsrate von 100 Prozent“, sagt Hönel.

Obwohl es schon seit Jahren immer wieder Warnungen vor dem Kauf derartiger Präparate gibt, scheint das Geschäft weiter zu boomen. Viele kennen die ominösen Mails, die im Postfach landen: Potenzmittel, Schlankmacher, Schmerzmittel, Vitaminpillen, Muskelaufbaupräparate oder Homöopathika aus zweifelhaften Quellen. Günstig, praktisch, bequem zu bestellen, lautet die Verheißung. „Es ist kein Wunder, dass diese Produkte oft sehr billig verkauft werden, weil es weiß ja keiner, was wirklich in den Kapseln enthalten ist“, warnt Hönel.

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Organisierte Kriminalität in großem Stil


Das Internet bietet die Plattform für organisierte Kriminalität im großen Stil. Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände meldet dazu: „Arzneimittel zu fälschen ist für Kriminelle lukrativer als der Drogenhandel. Auf dem Schwarzmarkt kostet ein Kilogramm an Plagiaten des Lifestyle-Arzneimittels Viagra durchschnittlich 90.000 Euro.“ Der Schaden, den die Originalhersteller von Medikamenten erleiden, wird jährlich auf über 20 Milliarden Euro geschätzt.

„Mit gefälschtem Viagra wurde 2007 mehr Umsatz erzielt als mit legalen Präparaten“, sagt Hönel. 2007 wurde mit falschem Viagra ein Umsatz von zwei Milliarden Euro gemacht, mit dem echten Präparat ein Umsatz von 1,8 Mrd. Euro.

Fälscherhochburgen sind neben asiatischen Staaten wie China in letzter Zeit auch einige Staaten Osteuropas. Die Tendenz ist stark steigend. „Der Vertrieb von Medikamenten-Fälschungen und damit die Gefährdung der Bevölkerung steigen ständig. Wir haben hier Steigerungen von mehreren hundert Prozent“, so Hönel.

Dr. Thomas Hartl

Dezember 2012

Foto: Bilderbox

‌ Zuletzt aktualisiert am 11. März 2015